Für das, was wir lineares Fernsehen nennen, ist der Münchner Polizeiruf: Die Lüge, die wir Zukunft nennen (BR-Redaktion: Cornelia Ackers) eine ziemliche Herausforderung. Man will nämlich dauernd anhalten, um durchzuatmen und sich vorzufreuen. Wenn man es nicht sogar muss, weil der Film von Beginn an ein Tempo und eine schöne Aufgekratztheit an den Tag legt, dass man Sorge hat, etwas zu verpassen oder nicht richtig würdigen zu können.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Dabei ist die Geschichte ein Witz. Ein Staatsanwalt ist sauer auf einen zwielichtigen Investorenheini namens Fastnacht, dessen Tochter er bei einer Karnevalsveranstaltung (sic) angebraten hat, wie es im Österreichischen heißt, weshalb ihm der Investorenheini eine Backpfeife verpasst. Aus Rache setzt der Staatsanwalt die Abteilung von der Bessie (Verena Altenberger) auf den Investorenheini an und die Polizisten wittern bei der Überwachung der Transaktionen ihre Chance, an die Summen zu kommen, die sie im schlecht bezahlten Dienst nicht verdienen.

Die Träume vom schnellen Geld platzen, natürlich, die Truppe entzweit sich über die interne Ermittlung, der Einzige, der seinen Schnitt macht, ist der alertere, smartere, informiertere Kollege von der Börsenaufsicht mit dem sprechenden Namen Posse (Wolf Danny Homann). Er weiß das ermittlungstechnische Remis geschickt für sich zu nutzen: Weil am Ende weder Interesse daran besteht, die Sache mit dem kleinmütigen Staatsanwalt noch die mit den korrupten Polizisten an die große Glocke zu hängen, kann Posse sich mit der Tochter vom Investorenheini auf ein ordentliches Handgeld zur Vernichtung der Beweisstücke einigen.

Das alles wirkt im Film lange Zeit komplizierter als es ist. Dabei geht es dem Drehbuchautor Günter Schütter und dem Regisseur Dominik Graf lediglich um einen Vorwand für ein Spiel mit den Mitteln des Kinos einer etwas älteren Schule, um Bilder und Erzählmomente vom Schmutzigen und Schwitzigen, die aus Exploitationfilmen abgeschaut sind.

Die Kamera (Martin Farkas) gefällt sich hier nicht in wohl arrangierten Tableaus, die man sich als Standbild fürs bürgerliche Wohnzimmer ausdrucken könnte, damit das Abendbrot davor noch gesitteter aussieht. Sie ist vielmehr fiebrig und dynamisch, sie guckt Ampeln an, als wären die der Mond, sie geht in die Aufnahmen, die sie gerade gemacht hat, noch mal weiter rein, als müsse sie sich selbst markieren, was sie da zeigt, sie schwenkt und verschwindet wieder in die Distanz. Und einmal fährt sie durch die Stadt wie ein Kind auf einem Fahrrad, das seinen Schlüssel oder die Freunde verloren hat, und an jeder Kreuzung, jeder Einfahrt schaut sie sich um, ob die da nicht zu finden sind.

Alles ist Trubel und Turbulenz, und dazu gibt es die tolle Musik von Sven Rossenbach und Florian von Volxem, die etwa in der Szene, wenn das Ende nah ist, weil gleich zwei aus der Truppe angeschossen bei der befreundeten Ärztin (Gisela Hahn) versorgt werden, rhythmisch noch den Marsch ins Verderben durchzieht, zugleich aber melodisch in einer dem eckigen Takt entgegengesetzten Bewegung in zarter Vergeblichkeit über die Tonleiter turnt.

Es ist dem Polizeiruf schon anzumerken, dass er auf die sozialen Aspekte hinauswill, die zu dem von ihm entworfenen ökonomischen Setting gehören: Wie wenig Polizisten verdienen, ist gleich zu Beginn Thema, wenn der für die Folge aufgeblasene Apparat an Bessie-Mitarbeitern einzeln vorgestellt wird. Das Bild stoppt für ein paar Sekunden und in diesen Freeze hinein beziffert ein Erzähler aus dem Off die finanzielle Situation der jeweiligen Kollegin. Man könnte den Film gesellschaftskritisch nennen, wäre mit dem Wort nicht eine bestimmte, eher plumpe Form von Missstandsdefinition verbunden. Der rotzige, schnelle, die Syntax achterbahnhaft durchkurvende Schütter-Text stellt dafür aber Sätze bereit, die von den Schauspielerinnen, allen voran Verena Altenberger, so überzeugend bewältigt werden, dass kein leicht abzuwertendes Lamento bei rauskommt.

"Keiner, der diese Cash-Flow-Gain-Loss-Shield-Wichtigtuersprache benutzt, wird dadurch auch nur ein Deut interessanter. Da könnt's ihr herumenglischen, wie ihr wollt", hält die Bessie etwa dem Börsenaufsichtsmann Posse derart souverän entgegen, dass daraus nicht Ohnmacht oder falsches Checkertum tönt: "Ihr seid's geistig schon 'ne rechte Leichtlohngruppe."

Solche Informationen gibt der Polizeiruf aber eher am Rande aus, wie auch schöne Aussagen über die Stadt, in der er spielt ("Das ist München bei Nacht, das muss man wegschnapsen"). Denn eigentlich geht es ihm um Form, Genre, Umgang mit den Konventionen. Grafs filmischer Vitalismus will dabei gar nicht bis zu so etwas wie Authentizität oder dem sogenannten Realismus durchbrechen in dem Sinne, dass hier in Milieus reingeguckt würde, wie die so sind. Auf die Frage, ob ihr Verfehlungen der Polizei bekannt sind, antwortet eine Kollegin (Berivan Kaya): "Gestapo, Volkspolizei, Reichssicherheitshauptamt." Das machen im richtigen Leben doch auch eher wenige.