Für alle Freundinnen des geordneten ARD-Sonntagabendkrimis scheint in der Kieler Folge Borowski und das Haus am Meer (NDR-Redaktion: Sabine Holtgreve) alles wieder in bester Ordnung. Der titelgebende Herr Kommissar (Axel Milberg) fährt zu Beginn einigermaßen dynamisch an einem verlassenen, mit Transpis verzierten Schulhause vor. Dann kommt ein Schnitt, und eine Einblendung spult den Betrachter in der Chronologie zurück: "Drei Tage vorher".

Man könnte auch sagen, es handle sich hierbei um einen Schluck aus der Pulle mit billigstem Spannungsfusel. Denn die – wie die Literaturwissenschaftlerin sagt – Prolepse ist ein einfacher Trick, um sich beim Publikum interessant zu machen. Man hat schon was von weiter hinten im Film gesehen und will jetzt unbedingt wissen, wie es dazu kommen konnte.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht" © Daniel Seiffert

Wobei der Vorgucker aus der Auftaktszene dafür dann doch zu offen und lahm rüberkommt. Der Herr Kommissar vor einem Haus, in dem mal Leben war – da muss die Vorstellungskraft doch einiges an gutem Willen mobilisieren, um sich ein bisschen Thrill zurechtzubasteln. Kurz: eher ein filmisches Mittel, das so mittelgut zum Einsatz kommt.

Und damit den Umgang mit den Möglichkeiten des Erzählens in Borowski und das Haus am Meer recht treffend charakterisiert. Denn es dauert ziemlich lange, bis sich aus dem ganzen Eingeführe und Behaupte der Fall herausschält, der Boro und Mila Sahin (Almila Bagriacik) in Form eines kleinen Jungen (Anton Peltier) vor das Auto läuft.

Der Junge stammt aus einem unsympathischen Pfarrhaushalt, in dem man dem frömmelnden Hausherrn Johann Flemming (Martin Lindow) von Beginn an so ziemlich jedes Verbrechen zutrauen würde. Seinen dementen Vater (Reiner Schöne), der schön dreckig lachen kann, sperrt er in einem Zimmer des Hauses ein. Die eigene Frau Nadja (Tatiana Nekrasov) wirkt in der bleiernen Stimmung bald so, als ob sie sich das alles anders vorgestellt hätte – mit dem Glück, der Liebe und überhaupt. Und dass die Sympathien des Films beim kleinen Jungen Simon liegen, lässt auch nichts Gutes ahnen.

Aus der beklemmenden Drei-Generationen-Nummer befreit sich der Tatort durch den Tod des kranken Großvaters, den der Film aber wiederum als Ausflug ins Reich der Geistergeschichte entwirft. Das ist der Moment, in dem der Junge den Ermittlerinnen vors Gefährt läuft, ob der Hund und der nebulöse Mann echt sind oder nur die Geschichte des Kindes, bleibt unklar. Registerwirrwarr, der Ratlosigkeit produziert, denn in den Sumpf von Horror und Grusel hält der Film nur kurz den großen Zeh.

Mit dem toten Opa eröffnet sich Boro und Mila Sahin der Abgrund einer Familiengeschichte. Uropa war ein Nazi, der den Übergang in die Bundesrepublik 1945 wirtschaftlich erfolgreich und ohne jeden Anflug von Reue oder Schuldeingeständnis überstanden hat. Opa wollte es besser machen und hat eine Schule gegründet, in der Antiautorität und Selbstbestimmung der Kinder großgeschrieben wurden. Zugleich wollte Opa keine Nachkommen, weshalb er den eigenen Sohn, den frömmelnden Pfarrer, verstoßen hat.