Der Tatort ist im quotenabhängigen, angstbesetzten deutschen Redaktionsfernsehen unserer Tage mitunter ein Sendeplatz, der große Freiheiten gestattet. Die traditionsreiche Reihe, die in diesem Jahr auf ihr fünfzigjähriges Bestehen anstoßen wird, darf wöchentlich mit einem noch relativ großen Publikum rechnen. Weshalb der Krimi ab und an durch den Fleischwolf einer bestimmten filmischen Anordnung gejagt werden kann, ohne Einbußen beim Publikumsinteresse in der Woche darauf befürchten zu müssen. Diese ereignishaften Anverwandlungen bestimmter Stile und Konzepte lassen im besten Fall auf Innovation hoffen, im schlechtesten Fall bringen sie den ARD-Sonntagabendkrimi zumindest ins – und sei es: empörte – Gespräch.

Für den gesamtnordrhein-westfälischen Tatort: Das Team (WDR-Redaktion: Nina Klamroth, Degeto-Redaktion: Birgit Titze) wird vermutlich eher Letzteres gelten – dabei will man die zarten Versuche, einmal künstlerisch etwas zu wagen, keinesfalls abqualifizieren. Scheitern ist die Schwester von Ausprobieren.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110", auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Mit Jan Georg Schütte hat diesen Tatort eine einzigartige Gestalt in der hiesigen Fernsehfilmlandschaft gemacht. Schütte, selbst Schauspieler und dazu Regisseur, arbeitet mit einer Methode radikaler Improvisation: Er schafft soziale Situationen, in denen sich das Ensemble aus Schauspielerinnen und Schauspielern anhand weniger Hinweise auf die jeweilige Rolle ziemlich frei bewegen muss. Gedreht wird mit mehreren Kameras (bei Das Team mit 36 unter der Aufsicht von Oliver Schwabe) und am Stück (hier fünfeinhalb Stunden), woraus im Anschluss der Film geschnitten wird (Montage: Benjamin Ikes).

Die Folge Das Team versammelt sieben Kommissare und Kommissarinnen in einem verlassenen Hotel: Vier Polizisten sind Opfer einer Mordserie geworden, jede der sieben Ermittler hatte eine Verbindung zu einem Opfer, nun sollen sie dem Serientäter im Gruppengespräch auf die Spur kommen. Als Chef des Sondereinsatzkommandos hat Schütte selbst kurze Auftritte. Nach den Grußworten von Polizeipräsident (Jörg Ratjen) und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (as himself, was dem Tatort eine besondere Bedeutung verleihen soll) übernehmen zwei Coaches die Moderation, die von Bjarne Mädel und Charly Hübner gespielt werden; letzteren entfernt eine furiose Tolle äußerlich so weit wie möglich von der Figur, die er im Polizeiruf als Ermittler spielt.

Bloß nicht hinaus in die Welt

Die Setzung mit den beiden Coaches wird als unkonventionelle Maßnahme in Anbetracht einer nie da gewesenen Verbrechensserie legitimiert. Vordergründig sollen sie die sieben Ermittler zusammenschweißen, um verlässliche Polizeiarbeit zu ermöglichen. Hintergründig verspricht das therapeutische Wühlen im Sumpf der verschiedenen Figuren, dass sich der Täter unter den Sieben findet – Schüttes Versuchsanordnungen können schlecht hinaus in die Welt führen, sie bedürfen allein wegen der vielen Kameras, die im Einsatz sind, eines festgelegten Raums.

Die sieben Figuren rekrutieren sich zum Teil aus bekanntem, zum Teil aus neu geschaffenem Tatort-Personal. Für eine Verankerung in der Reihe sorgen Faber (Jörg Hartmann) und Bönisch (Anna Schudt) aus Dortmund sowie Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) aus Münster. Hinzukommen die bislang unbekannten Ermittler Mitschowski (Nicholas Ofczarek) aus Aachen, dessen Ex-Kollege Rettenbach (Ben Becker) aus Oberhausen und Kommissarin Möller aus Düsseldorf (Elena Uhlig), die außerdem die Gattin eines der getöteten Polizisten ist, eines polygamen "Arschlochs", wie sich herausstellt. Und dann ist da noch Kommissar Ziesing aus Paderborn, den Friedrich Mücke gibt. Was die treue Tatort-Zuschauerin schon irritieren kann, spielte Mücke doch in dem (wenn auch nur zwei Folgen überdauernden) Erfurter Tatort 2013/14 einen Ermittler namens Henry Funck. Es wäre nun gar nicht so schwer gewesen zu behaupten, dieser Funck sei von Erfurt in eine abgelegene Dienststelle in NRW versetzt worden.

Man kann über dieses unstimmige Detail hinwegsehen; so wie über die Besetzung Hübners als Coach und Ben Beckers als Kommissar Rettenbach, ist Becker doch gerade erst im Lena-Odenthal-Jubiläums-Tatort zum zweiten Mal als Dorfpolizist Stefan Tries aufgetreten. Ein präziseres Spiel mit selbstreferentiellen Bezügen und seriellen Kniffen hätte diese Ausnahmefolge Das Team innerhalb der Reihe aber jedenfalls plausibler verortet.