Was hat unsere Welt in der vergangenen Dekade kulturell geprägt? In der Miniserie "Die Zehner" spüren wir den kleinen und großen Revolutionen dieser Jahre nach. Hier sammeln wir nach und nach alle Artikel zum Thema.

Acht Jahre. So lange hat es gedauert, bis die gefeierte HBO-Serie The Wire endlich in Deutschland zu sehen war im Jahr 2010. Von 2002 bis 2008 war David Simons Sozialepos über die Stadt Baltimore in den USA gelaufen, 2010 kam endlich die DVD auf den deutschen Markt. The Wire war ein weiterer, vielleicht entscheidender Grund, dass die in Deutschland lange eher als Unterhaltungskram geschmähte Erzählform der Fernsehserie allmählich ernstgenommen wurde.

Zu Beginn der Zehnerjahre gab es natürlich auch in Deutschland schon Leute, die Serien auf ihren Computern streamten, doch das geschah zumeist illegal. Heute nutzt knapp die Hälfte aller Menschen in Deutschland Streamingangebote. Serien wie die Sopranos (1999-2007), The Wire, Breaking Bad (2008-2013) und Mad Men (2007-2015) haben das Fernsehen sukzessive intellektualisiert. Doch erst mit dem Schritt ins Netz, mit dem mittlerweile nahezu weltweiten Angebot von Streamingdiensten, wurde aus dem in den USA gepriesenen Golden Age of Television auch ein globales Phänomen.

Im Laufe der vergangenen zehn Jahre wurde das serielle Erzählen zum Bestandteil der Pop- und Alltagskultur. Serienwissen dient Menschen heute längst als Distinktionsmerkmal, Serien sind Bestandteil fast jeden Small Talks, die Produktionen selbst sind zu Codes geworden: Sag mir, was du guckst – und ich weiß, ob wir uns verstehen. 

Die Gattung TV-Serie selbst hat sich in den Zehnerjahren auch stetig verändert. Das hatte vor allem mit veränderten Rahmenbedingungen zu tun. Die Streamingdienste entdeckten Eigenproduktionen als Distinktionsmerkmale, um spezielle Zielgruppen als Abonnenten zu gewinnen. Ihre Etats für den Erwerb sogenannten Contents wuchsen gewaltig an, ebenso wuchs die Anzahl der Serien – und die Art, wie sie gemacht und konsumiert wurden, hat sich mit gewandelt. Hier sind sechs Beobachtungen dazu.

1. Bombast

"When you play the game of thrones, you win or you die": So sprach Cersei Lannister, eine der Hauptfiguren von "Game of Thrones" (2011-2019). Sie hätte damit auch den gewaltigen finanziellen Einsatz bei dieser Serie meinen können. © Helen Sloan/​HBO

Einen Mittelweg gab es nie bei Game of Thrones, einer der teuersten, meist gesehenen und meist raubkopierten Fernseherzählungen. Bei kaum einer anderen Produktion lässt sich die steigende Geschwindigkeit so deutlich ablesen, die den Serienmarkt in den vergangenen zehn Jahren erfasst hat. Bis die erste Staffel aus dem Jahr 2011 im deutschen Bezahlsender TNT anlief, dauerte es noch ein halbes Jahr. Ab der dritten Staffel 2013 erschienen die Folgen parallel zur US-Ausstrahlung auf Sky Deutschland.

GoT wurde zu einem Gemeinschaftserlebnis, das Fernsehen schaffte es noch einmal ins kollektive Bewusstsein. Nur dass sich die Fans nicht mehr wie zu Sex and the City-Zeiten zum Prosecco vor dem Fernsehapparat trafen, sondern auf den Social-Media-Kanälen ihre Meinung zur aktuellen Folge mitteilten. Parallel überboten sich die Kritiker in ihren Analysen zu den Machtdoktrinen in Westeros und verglichen diese mit aktuellen politischen Verstrickungen. GoT war eine der ganz wenigen Serien, für die das bislang vor allem im angelsächsischen Raum verwendete Recap-Format – die Kritik einzelner Serienfolgen – auch in Deutschland eingeführt wurde.

Die steigende Popularität führte zu steigenden Budgets. Die Produktionsetats, die HBO den GoT-Machern bewilligte, erhöhten sich enorm. In den Staffeln 1 bis 5 durften sie rund sechs Millionen US-Dollar pro Folge ausgeben, ab der sechsten hauten sie zehn und in der finalen achten Staffel schließlich mehr als 15 Millionen US-Dollar pro Episode raus. Computeranimierte Welten und die Drachen, die über sie hinwegfliegen, kosten ebenso wie Statistenheere viel Geld. Und wenn man dann noch Massen von Untoten über den Bildschirm schickt, kostet alles noch viel mehr Geld.

Der finanzielle Aufwand hatte auch ästhetische Auswirkungen: Die epische Folge Battle of the Bastards der sechsten Staffel gilt zu Recht als eigener Antikriegsfilm. Mit dieser Folge brachten die GoT-Schöpfer David Benioff und D.B. Weiss das Format Serie endgültig auf ein cineastisches Niveau. Und schraubten die Erwartungen für die meisten anderen Serienformate auf ein utopisches Level.

2. Heldinnen

"You are a traitor and I am the fucking CIA": Carrie Mathison, Protagonistin von "Homeland", wurde ab 2011 zu einer für die Zehnerjahre typischen Serienheldin. Frauenfiguren standen nun öfter im Mittelpunkt – mussten aber fast immer auf irgendeine Art versehrt sein. © Showtime

Neben der Drachenkönigin Daenerys war Carrie Mathison die wohl prominenteste Serienheldin des angehenden Serien-Jahrzehnts: Die psychisch kranke CIA-Agentin wurde auf einen US-Soldaten (Damian Lewis) angesetzt, der nach jahrelanger Gefangenschaft möglicherweise als Schläfer in die USA zurückgekehrt ist. Dass die Frau sich in den Mann verliebte, war fast zu vorhersehbar.

Claire Danes als Carrie begründete den Typus der versehrten Frau, wie er auch in der zeitgleich erschienenen dänisch-schwedischen Serie Die Brücke oder später in The Honourable Woman oder Jane Campions Neuseeland-Thriller Top of the Lake vorkam. Die Freude darüber, dass Frauen nun die neuen starken Männer wurden, wich erst im Lauf der Zeit der Erkenntnis, dass erst der Mangel an Emotionen, also dem gemeinhin typisch Weiblichen, diese Frauen zu den erfolgreichen Ermittlerinnen werden ließ, als die sie gefeiert wurden. Bipolare Störungen, Asperger-Syndrom oder zumindest eine – meist sexuelle – Gewalterfahrung schien in dieser Zeit Voraussetzung zu sein für eine weibliche Hauptfigur. Auch Daenerys musste sich erst mehrere Folgen lang sexuell ausbeuten lassen, bevor sie endlich den Drachen besteigen durfte.

Das ganz normale Drama paarungsbereiter Großstadtbewohner: Adam Driver und Lena Dunham 2012 in der Pilotfolge von "Girls" © HBO

Dann kam Lena Dunham. Sie setzte 2012 mit Girls einen Kontrapunkt zu den Schmerzensagentinnen ebenso wie zu den Fashionistas von Sex & the City. Die von Dunham erschaffene Figur der Hannah Horvath war außerdem die erste amerikanische TV-Heldin, die nicht klassischen Schönheitsidealen entsprach. In Großbritannien war man in der Hinsicht schon immer wagemutiger, aber auch dort brachte das vergangene Serienjahrzehnt besonders kantige Heldinnen hervor: Sarah Lancashire spielt eine in Happy Valley (seit 2014) und Olivia Colman spielte eine in Broadchurch (2013-2017).

Den großartigen Abschluss des Serienjahrzehnts bildete ebenfalls eine Britin: Phoebe Waller-Bridges erfand mit Fleabag eine Figur, die zeitgenössisches Beziehungssehnen und -scheitern so treffend auf den Punkt brachte, dass die Autorin und Hauptdarstellerin 2019 als Beraterin für die neuen James Bond-Produktion angeheuert wurde. Eine Serienschöpferin erklärt den Machern der berühmtesten Filmreihe, wie die Welt 2020 aussieht: Klarer zeigen sich die veränderten Kräfteverhältnisse zwischen Fernsehen und Kino im Jahr 2019 nirgendwo.