In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Fernsehen rasant verändert. Seit Streaminganbieter auf den Markt getreten sind, wird so viel produziert wie nie zuvor. Im US-amerikanischen Diskurs hat sich für diese medienhistorische Ära die Bezeichnung "Peak TV" durchgesetzt: Das Publikum wird von der Programmvielfalt nahezu erdrückt. Andererseits sieht es zum ersten Mal, wie eine reale gesellschaftliche Vielfalt tatsächlich filmisch abgebildet wird. Netflix zum Beispiel bemüht sich um Diversität und macht seinen tendenziell jungen und akademischen Zuschauern bewusst identitätspolitische Angebote: Dear White People, Pose, The Politician, Orange Is The New Black, Atypical, um nur wenige Serien zu erwähnen, daneben zahlreiche Spielfilme und Dokumentationen mit ähnlicher Ausrichtung. Mögen Themen und Protagonisten der Sendungen neu erscheinen, ihre Umsetzung ist es nicht. Hier trifft zu, was der Filmkritiker Dwight Macdonald 1959 "Midcult" nannte. Die Netflix-Ästhetik gibt zwar vor, neue Akzente zu setzen, will aber eigentlich nur den algorithmisch ermittelten kleinsten gemeinsamen Nenner treffen.

Vor diesem Hintergrund ist es besonders interessant, wie sich die neue Serie AJ and the Queen in diese Bedingungen fügt. Offensichtlich macht sich die Sitcom, geschaffen vom Drag-Star RuPaul Charles und Michael Patrick King (Showrunner von Sex and the City), das Interesse an Durchlässigkeit und Diversität zu nutze. RuPaul wurde mit seinem Casting-Format Drag Race weltberühmt, ihm verdankt die Szene ihre momentane Sichtbarkeit. Wie aber verträgt sich der Netflix-Midcult mit der anarchistischen Ästhetik echter Dragshows? Das ist nämlich die Welt, der AJ and the Queen verpflichtet ist. Und die bezieht ihre faszinierende Energie und Lebendigkeit traditionell aus den beiden Antagonismen, gegen die Macdonald seinen Midcult überhaupt erst positioniert hat: Drag ist Trash und Avantgarde in einem, Midcult ist weder das eine noch das andere. Die Lösung, die AJ and the Queen findet, ist genial: Bei aller thematischen Progressivität wendet sich das Format alten Filmgenres und -strukturen zu.

Robert, genannt Ruby Red, ist eine erfolgreiche aber mehr als mittelalte Dragqueen in New York, die endlich genug Geld gespart hat, um ihren eigenen Schuppen aufmachen zu können. Dann wird sie um ihr Geld betrogen und muss im Wohnmobil von Schwulenkneipe zu Schwulenkneipe tingeln, um sich über Wasser zu halten. Die Serie verbringt dabei ebenso viel Zeit in den Bars (in denen allerlei Drag-Stars aus RuPauls eigener Show auftreten), wie auf den Campingplätzen, in den Kleinstädten und Kneipen dazwischen.

In den Dragbars schlägt eindeutig das Herz der Serie – seien sie traurig, verträumt, erfolgreich oder abgewirtschaftet. AJ and the Queen ist eine Liebeserklärung an die Szeneinstitutionen im Nirgendwo, an die Lokalmatadoren unter den Dragqueens. Die Dragkultur erscheint hier nicht als marginalisierter Teil der USA, als Eigenheit der großen Metropolen und ihrer Schwulenviertel, sondern als Queersumme aller Winkel dieser Gesellschaft, ein lebender, schriller Beweis, dass die instinktive Offenheit, die sie verkörpert, so amerikanisch ist wie Wohnmobile und Barbecue. 

Das mag alles ein wenig nach Wim Wenders oder Jim Jarmusch klingen. Die Serie unterzieht aber den unterschwelligen Neorealismus des amerikanischen Roadmovie einer dragtypischen Verfremdung. Denn mit im Wohnmobil reist ein kleines Mädchen namens AJ (Amber Jasmine), das zu seinen Großeltern nach Texas will. Verfolgt werden AJ and the Queen von zwei Ganoven, gespielt von Josh Segarra und dem Wayne’s World-Star Tia Carrere.

Mit solchen Elementen wird AJ and the Queen zu einer astreinen Achtzigerjahre-Road-Comedy. Die Entwicklungen und Konflikte sind relativ vorhersagbar, aber gerade das macht diese Form ja aus: Natürlich müssen AJ und Robert aus einer Bar fliehen, weil die Schurken auftauchen. Natürlich gibt es Verfolgungsjagden. Natürlich sehnt sich die kleine AJ nach einer Familie, wie sie Ronald Reagan und Steven Spielberg propagieren. Ein niedlicher Hund, ein kleines Kind, das schauspielerisch etwas irrlichtert – die Serie führt sogar einen ziemlich aufgesetzten Anti-Drogen-Plot ein – mehr Achtzigerjahre geht nicht.

Die Szenen in den Dragclubs zeichnen sich durch die unschmierige Schmierigkeit aus, die man ebenfalls aus Achtzigerjahrefilmen kennt. Man denke an die Kaschemme Double Deuce in Road House (1989), oder die Chicken Ranch in Das schönste Freudenhaus in Texas (1982). Dahinter steckt mehr als nur die Netflix-Optik: Die Serie zitiert eine antiquiert wirkende Authentizitätsgeste, die damals schon wenig überzeugend war und heute putzig wirkt, und ersetzt den anarchischen Surrealismus einer Dragshow durch den unbeabsichtigten Surrealismus einer Achtzigerkomödie.

"AJ and the Queen" zeigt die beschwingten Achtziger von heute. © Beth Dubber/​Netflix

Ähnlich funktioniert auch die Politik in AJ and the Queen: Ganz nach dem Achtzigerjahreprinzip fehlt sie bei oberflächlicher Betrachtung komplett. Aber das war ja auch schon bei RuPaul’s Drag Race so. Drag an sich ist politisch, und das wissen die Macher der Serie. Robert "Ruby Red" fährt kreuz und quer durch Trumps USA und trifft auf gute und auf böse Menschen, aber es geht eben nicht ständig darum, dass Robert eine schwule Dragqueen ist. Er gewinnt in einer äußerst heterosexuellen Bar bei einem Wet-T-Shirt-Contest viele Freunde und macht sich in Schwulenkneipen unbeliebt. Ein Waffennarr, der mit seinem möglicherweise transsexuellen Sohn nicht klarkommt, quittiert Roberts Rede über Toleranz mit der Bemerkung, er werde sich schon daran gewöhnen, aber gefälligst erst, wenn er dazu bereit sei und bestimmt nicht, wenn eine New Yorker Dragqueen es wolle. Die Akzeptanz mag langsam oder sofort kommen – aber in der Welt von AJ and the Queen kommt sie ganz bestimmt.

Wie es sich für eine gute Achtzigerjahre-Sitcom gehört, lernt in jeder Folge jemand etwas dazu, über Toleranz, über Selbstvertrauen, über Identität. Damals war das Teil einer Politik der Nettigkeit (niceness), die so tat, als könne man Probleme wie Rassismus und Armut aus der Welt schaffen, wenn die Menschen nur ein bisschen netter zueinander wären. An dieser Annahme hält AJ and the Queen fest, unterstreicht aber bei jeder Gelegenheit, dass die Serie in einer Fantasiewelt spielt. Und bleibt damit einem ästhetischen Grundprinzip der Dragkultur treu: Wenn wir uns in dieser kleinen Kunstwelt gegenseitig stärken können, uns selber achten und uns von anderen bejubeln lassen können, warum dann nicht auch in der Welt da draußen?