Drei Wochen vor dem Beginn der 70. Berlinale empfangen Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian am Donnerstag im Büro der Festspiele am Potsdamer Platz. Am Tag zuvor haben die beiden ihr diesjähriges Wettbewerbsprogramm vorgestellt, das viel Stoff zum cinephilen Plaudern bietet. Überschattet wurde der Tag jedoch von einer Nachricht, die einen bislang unbekannten Aspekt der Historie der Berlinale betrifft. Nach Recherchen der ZEIT hat Alfred Bauer, der 1986 verstorbene Gründer der Filmfestspiele, während der NS-Zeit in der sogenannten Reichsfilmintendanz gewirkt, die als verlängerter Arm des Propagandaministers Joseph Goebbels die Kontrolle über die damalige deutsche Filmwirtschaft hatte. Auch darüber muss das neue Berlinale-Führungsduo nun sprechen.

ZEIT ONLINE: Frau Rissenbeek, Herr Chatrian, DIE ZEIT hat in ihrer aktuellen Ausgabe eine Recherche über Alfred Bauer veröffentlicht, den Gründer der Berlinale. Offensichtlich hatte er über seine Position im Nationalsozialismus und in der Reichsfilmintendanz nach dem Krieg systematisch gelogen. Sie haben gleich am Tag darauf reagiert und den nach Bauer benannten Preis ausgesetzt, der bisher für eine besondere künstlerische Perspektive im Hauptwettbewerb verliehen wurde. Was haben Sie gedacht, als Sie von diesen neuen Erkenntnissen hörten?

Mariette Rissenbeek: Um ehrlich zu sein, war ich überrascht. Aber natürlich war es schwer vorstellbar, einfach so weiterzumachen wie zuvor. Also haben wir uns entschieden, schnell zu handeln.

Carlo Chatrian: Wir haben den Artikel sehr ernst genommen. Und weil wir ihn sehr ernst nehmen, werden wir auch noch Zeit brauchen, um tiefergehende Recherchen anzustellen. Natürlich wirft das nun ein anderes Licht auf den ersten Festivaldirektor.

ZEIT ONLINE: Wird der Preis nur in diesem Jahr ausgesetzt?

Chatrian: Bevor wir den Preis für immer absetzen, brauchen wir verständlicherweise mehr Informationen: Wir sind beide neu bei der Berlinale und möchten noch umfangreichere Erkenntnisse sammeln.

Rissenbeek: Dazu wollen wir mit einem externen Expertenteam aus Historikern zusammenarbeiten, die uns mehr Hintergrundwissen und Details liefern können.

ZEIT ONLINE: Hat es Sie nicht überrascht, wie es möglich sein kann, dass 70 Jahre lang keiner bemerkt haben will, welche Unstimmigkeiten es in Alfred Bauers Vergangenheit gab? Hätte man nicht davon ausgehen können, dass zumindest 1987, als der Preis ihm zu Ehren ausgeschrieben wurde, noch einmal genau auf seine Biografie geschaut wurde?

Chatrian: Sie stellen diese Frage zwei Menschen, die erst vor sieben Monaten zur Berlinale gestoßen sind. Dem aktuellen Bericht der ZEIT ist zu entnehmen, dass Alfred Bauer nach dem Krieg seine tieferen Verflechtungen in die Nazi-Filmpolitik verschleiert hat. 

ZEIT ONLINE: Nun sollte während der Berlinale, am 24. Februar, auch eine Buchpräsentation stattfinden. In der Schrift des Filmhistorikers Rolf Aurich mit dem Titel Blick in die Archive: Alfred Bauer. Die Grundlagen der Internationalen Filmfestspiele Berlin geht es auch um Bauers Vergangenheit im Naziregime. Die Präsentation wurde nach der Veröffentlichung der Recherche abgesagt. Offenbar hatte der Autor entscheidende Fakten nicht berücksichtigt.

Chatrian: Es handelt sich um keine Veröffentlichung der Berlinale, sondern der Deutschen Kinemathek.

ZEIT ONLINE: Die Deutsche Kinemathek ist Partner der Berlinale, Sie veranstalten die "Retrospektive" und die "Classics" gemeinsam. Und die Veranstaltung sollte im Rahmen des Festivals laufen.

Chatrian: Die Deutsche Kinemathek organisiert jährlich während des Festivals ihre unabhängige Veranstaltungsreihe, "Aus den Archiven". Wir hatten bislang keine weiteren Informationen.

ZEIT ONLINE: Obwohl bereits in der offiziellen Ankündigung stand, dass es in dem Buch auch um Bauers problematische Vergangenheit gehen würde? Immerhin hieß es dort: "Wie konnte es ihm (Alfred Bauer, Anm. d. Red.) trotz Schwierigkeiten bei der Entnazifizierung gelingen, ein internationales Filmfestival an einem Ort zu etablieren, dessen Filmbranche nach 1945 auf tönernen Füßen stand? Welche Rolle spielte dabei – nicht zuletzt – Bauers berufliche Herkunft aus der nationalsozialistischen 'Reichsfilmintendanz'?" Hat Sie das nicht aufhorchen lassen?

Rissenbeek: Die Veranstaltung war uns nicht bekannt.