Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Serienkolumne besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats. Hier finden Sie die besten zehn Serien des Jahres 2019.

"The Witcher"

Guter Ratschlag unter Rittern: Nie das eigene Schwert fallen lassen. Gleich in der ersten Szene von The Witcher unterläuft dem Titelhelden des neusten Netflix-Fantasyversuchs diese Panne, und dann geht eigentlich alles schief, was im Leben eines Eigenbrötlers mit Bodybuilderfigur und weißgoldenem Haupthaar schiefgehen kann. Das achtarmige Sumpfungeheuer, mit dem sich der Witcher (bürgerlich: Geralt von Riva) im Clinch befindet, kriegt er zwar noch ohne Schwert erlegt. Im nächstgelegenen Drecksloch will jedoch niemand den Kadaver kaufen. Stattdessen Ablehnung in Taverne und Lustgarten: Die Menschen im Fürstentum Cintra mögen keine Neuankömmlinge. Schon gar nicht, wenn sie übernatürliche Begabungen mitbringen.

Henry Cavill spielt diesen Witcher mit der schauspielerischen Flexibilität von Dolph Lundgrens He-Man oder Lorenzo Lamas in Renegade – also gar nicht mal so unwürdig. Für Lauren Schmidts Serienadaption der Fantasysaga des polnischen Autors Andrzej Sapkowski – und der darauf basierenden, äußerst populären Games – gibt Cavills versteinerte Performance eine amüsante Richtung vor. Wann immer sich der Witcher etwa in ultraseriöse Gespräche mit seinem schweigsamen Pferd vertieft, scheint darin auch ein Kommentar auf die Absurdität der meisten Schwert- und Rüstungsfilmdialoge zu stecken.

Alles Weitere besorgt die weit geöffnete Netflix-Schatulle: CGI-Schlachtplatten, viel Kunstblut und -leder, erdbebenähnliche Spezialeffekte, rollende, aufgespießte und zerplatzende Köpfe sowie unterschwellige Erotik, die ständig damit kokettiert, alle Handlungsstränge der Geschichte in einer riesigen Softpornoorgie aufzulösen. Natürlich will Netflix damit auf den Game-of-Thrones-Thron, und diesmal könnte es sogar klappen. Denn The Witcher bringt nicht nur ausreichend verlotterte Royals und zynische Antihelden mit, sondern auch jene erzählerische Überzeugungskraft, die unbedingt nötig ist, um den Leuten einen solchen Quatsch zu verkaufen.
(Daniel Gerhardt)

Die acht Folgen von "The Witcher" laufen auf Netflix.