Der Mann, der da im Jahr 1897 in einer Klosterzelle bei Budapest sitzt, ist mehr tot als lebendig: Sein Schädel ist kahl, sein Kopf von seltsamen Wunden übersät, sein Blick wirr, wenn nicht gar irre. Er hat eindeutig etwas Schreckliches hinter sich. Ihm gegenüber sitzt eine Nonne. "Ihr Bericht über Transsilvanien ist eine interessante Lektüre", sagt sie zu dem Mann, in dessen Auge just in diesem Augenblick eine Fliege hineinkrabbelt, die kurz darauf aus seinem Mund wieder herauskriecht. Willkommen in der Dracula-Welt, wie sie sich Mark Gatiss und Steven Moffat zurechtgeschneidert haben.

In ihrer ungemein erfolgreichen, in das London der Gegenwart transportierten Sherlock-Holmes-Adaption haben die beiden Drehbuchschreiber demonstriert, dass es möglich ist, sich einem weithin bekannten Stoff quellentreu und respektvoll zu nähern und das Original dennoch auf originelle Weise zu variieren. Nun haben sich Gatiss und Moffat für eine auf drei 90-Minuten-Filme angelegte BBC-Netflix-Produktion eine weitere mythische Figur der englischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts vorgenommen: Dracula.

Bram Stokers blutsaugender Graf hat als Vorlage für diverse Kunstformen gedient. Die neue Verfilmung (Regie: Jonny Campbell, Paul McGuigan und Damon Thomas) bedient sich großzügig jedes Genres und scheut vor allem auch nicht vor Trash zurück. Das Blut spritzt und tropft, der Nebel wabert, und so eindrucks- und architektonisch kunstvoll wie dieses düstere Labyrinth dürfte der transsilvanische Stammsitz des Grafen, an den es den englischen Rechtsanwalt Jonathan Harker verschlägt, selten in Szene gesetzt worden sein.

Um ebendiesen Harker (John Heffernan) handelt es sich bei jenem Untoten in der Klosterzelle, der seine Erlebnisse der schlagfertigen, kühl-agnostischen und spöttischen Schwester Agatha (Dolly Wells) erzählt. Agatha ist Draculas (Claes Bang) ebenbürtige, weil kluge, hellsichtige und furchtlose Antagonistin. Diese Konstellation und das großartige Spiel der beiden Hauptdarsteller hält den Dreiteiler in Schwung, gibt ihm vor allem dialogischen Witz, der keine Zote auslässt ("Sie wirken ziemlich ausgelutscht").

Insgesamt läuft Dracula, um es vorsichtig zu sagen, ein wenig knirschend an: Der Schlossherr präsentiert sich zunächst als faltenreicher alter Mann mit strähnigem langen Haar, der durch den stetigen Genuss seines Gastes im Blitztempo eine Verwandlung durchmacht, bis am Ende der attraktive und charmante Claes Bang in Reinform vor uns steht. Und von Harker nur noch eine graue Hülle übrig geblieben ist. Der Vampir der Neuadaption saugt nicht nur Blut, sondern Eigenschaften, das Wesen seiner Opfer. Wenn er bayerischen Dialekt sprechen will, und sei es nur aus Spaß, nimmt er sich eben kurzerhand einen Bayern zu Gebiss.

Claes Bang ist ein brillanter Dracula, er zeigt auf engem Raum das Elegante und das Böse, das Monströse und das Humoristische. Er ist ein verführerischer Parleur, ein Bonmots hervorsprudelnder Dandy und eine Projektionsfläche der Sehnsüchte, ein Gourmet noch dazu – und doch lauert unter dieser kultivierten Oberfläche der archaische Blutdurst, der jederzeit ausbrechen kann.