Draculas kluge, hellsichtige und furchtlose Antagonistin: Schwester Agatha (Dolly Wells) © BBC

Der mittlere der drei Teile ist der mit Abstand gelungenste, weil hier, auf dem engen Raum des Schiffs Demeter während der Überfahrt von Rumänien nach England, alle Motive wie in einem Kammerspiel zusammengeführt und extrapoliert werden können. An den klassischen Zutaten – Kreuz, Holzpflock, Knoblauch – wird nicht gespart; sie sind die halbironische Referenz an ein Genre, das im dritten Teil in die unmittelbare Aktualität überführt wird: Nach dem Versinken der Demeter verbringt der Graf 123 Jahre in einem Sarg auf dem Meeresgrund, bevor er, von Tauchern gefunden und ans Festland gebracht, sich plötzlich im gleißenden Scheinwerferlicht einer militärischen Spezialeinheit wiederfindet.

Die dritte Folge ist ein Problem, so wie es auch bereits die letzte Sherlock-Folge in ihren kalkulierten Wirren um Realitäts- und Halluzinationsebenen war. Wenn alle drei Minuten irgendetwas Neues, vermeintlich virtuos Überraschendes aus dem Hut gezaubert wird, ist es irgendwann egal, ob es sich dabei um ein Kaninchen oder eine bei lebendigem Leib verbrannte Schönheit handelt, die als entstellte Untote durch das Szenario kriecht.

Gatiss und Moffat reaktivieren Nebenfiguren aus Bram Stokers Roman, erhöhen die Schlagzahl in einem Szenenwirbel um Glauben, Aberglauben, okkulte Rituale und die Überwindung persönlicher Schwächen: In den neuen kapitalistischen Kontexten erweist sich der smarte Graf als wandlungs- und anpassungsfähig; die Selbstüberwindung und Selbstoptimierung als Antriebsprinzip hat er schnell verinnerlicht, während seine Gegenspielerin Zoe Helsing (ebenfalls Dolly Wells), die Leiterin der Jonathan-Harker-Stiftung, gegen eine Krebserkrankung kämpft.

Mark Gatiss und Steven Moffat haben einer überzeichneten historischen Figur die Gegenwart eingeschrieben: Eitelkeit und Blendungsvirtuosität als Signets der Epoche; Trieb und Zivilisation nicht als Widersprüche, sondern als zusammengedachte Ergänzungen.

Doch gerade im dritten Teil hat die vom Autorenduo ausgestellte Lust an der Dekonstruktion und die daraus resultierende Snapshot-Ästhetik nicht nur etwas bemüht Originelles, sondern auch etwas Ermüdendes. Dieser Sarg mag nun geschlossen bleiben.

Die drei Teile von "Dracula" sind auf Netflix abrufbar.