Mein Freund, der Baum – Seite 1

Müsste – oder dürfte – er ein Baum sein, Peter Wohlleben wäre eine Buche. Denn Buchen seien "familiär", "sozial", "kümmern sich um ihren Nachwuchs" und kämen mit dem Klima hierzulande super klar. Gäbe es in Deutschland Urwald, er wäre voller Buchen.

Peter Wohlleben ist so bekannt, dass man ihn kaum vorstellen muss. Sein Buch Das geheime Leben der Bäume wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Vom 23. Januar an kann man den Bestseller-Förster auch in einem Kinofilm gleichen Titels begleiten, und Peter Wohlleben ist viel unterwegs: Wohlleben lacht Backstage mit Markus Lanz, Wohlleben bekommt in einem polnischen Einkaufszentrum einen Tannenzapfen geschenkt, Wohlleben steigt bei einer Demo gegen die Rodung des Hambacher Forstes auf die Bühne, Wohlleben sucht in Schweden den ältesten Baum der Welt. Meist aber findet die Kamera den Förster im Wald. Mal in dem Wald in der Eifel, den er als Förster bewirtschaftet (wobei er ja dafür bekannt ist, den Wald weitestgehend sich selbst zu überlassen), mal in einem der letzten Urwälder Europas in Polen, mal im Westen Kanadas auf Vancouver Island.

Sternenhimmel im Zeitraffer

Die Aufnahmen, die Peter Wohlleben bis nach Hause, gar bis in die Badewanne folgen, werden im Film gegen Naturaufnahmen geschnitten, die in ihrer Ästhetik an technisch aufwändige Hochglanz-Naturdokus der BBC wie Planet Erde erinnern. In Zeitraffer zieht der Sternenhimmel über Baumkronen hinweg, Sämlinge entfalten binnen Sekunden ihre Blätter, Pilzköpfe bohren sich durch Laub. Drohnen fliegen über Nadelwälder voller braungelber Bäume, die die Dürre und Hitze der vergangenen Sommer nicht verkraftet haben. Dazu läuft stets sphärische Musik.

Peter Wohlleben ist eine interessante Figur. Er wirkt bescheiden und sympathisch. Mit wem er auch spricht, immer scheint er die richtigen Worte zu finden. Die Menschen mögen ihn. Gleichzeitig ist er ein Rebell. Und der Film lässt keine Chance aus, ihn als solchen zu inszenieren. Viele Förster halten Wohlleben für einen Spinner, Wohlleben wiederum hält die Forstwirtschaft für gescheitert: Förster pflanzten viel zu viele Monokulturplantagen von Fichten und Kiefern, ihnen gehe es nur um die Maximierung der Holzausbeute, ihre Maschinen verdichteten den Waldboden derart, dass er kein Wasser mehr speichern könne. An einer Stelle im Film steht Wohlleben auf einem Feld bei Treuenbrietzen in Brandenburg und nimmt ein Video für Facebook auf. Wo im Film Acker ist, stand kurz vorher noch ein Kiefernwald. Der ist abgebrannt. Nun sollen an gleicher Stelle und mit Unterstützung des Landes Brandenburg wieder Kiefern gepflanzt werden, obwohl sie mit großer Sicherheit vertrocknen würden. Wohlleben ärgert das, ironisch sagt er: "Herzlichen Glückwunsch, Brandenburg."

Wohllebens Kritik trifft eine Branche, die tatsächlich viel zu lange viel zu wenig nachhaltig gewirtschaftet hat und der die Biodiversität und der Zustand der Böden möglicherweise ein bisschen zu egal war. Oft genug geht seine Kritik aber auch zu weit. Einigen von Wohllebens Behauptungen widersprechen Wissenschaftler deutlich. So sind mehr als die Hälfte der deutschen Wälder zwar immer noch Nadelwälder, was Wohlleben zu Recht anprangert. Und viele davon bestehen aus nicht-heimischen Bäumen wie Fichte oder Kiefer. Aber der Umbau ist schon seit den Achtziger- und Neunzigerjahren im Gange. Es gibt immer mehr Laubbäume, mehr alte und dicke Bäume, mehr Holzvorrat und mehr Totholz im Wald. Und immer mehr Wälder werden zu Misch- oder Laubwäldern, bis Ende des Jahrhunderts soll nur noch ein Viertel aller Wälder aus Nadelwäldern bestehen. Und längst wächst in deutschen Wäldern auch mehr Holz nach, als geschlagen wird. Holz zu ernten, sei zudem nicht immer schlecht, sagt Jürgen Bauhus, Professor für Waldbau an der Universität Freiburg. Der Biodiversität etwa tue es manchmal besser zu fällen, als den Wald sich selbst zu überlassen.

Geprägt von einem idealisierten Naturbild

Dass Wohlleben sich manchmal nicht so gern an Fakten hält, mag ärgerlich sein, wirklich verwunderlich aber ist es nicht. Wohllebens Bücher sind geprägt von einem idealisierten Naturbild, sie sind durchzogen von Natursehnsucht. Mancher findet gar: "So beseelt wie bei Wohlleben war der Wald selbst bei den Romantikern nicht."

Gut und Böse sind klar verteilt

Der Wald ist nicht nur ein ganzheitliches Ökosystem, sondern auch ein Sehnsuchtsort. Entsprechend gutaussehend wird er im Film oft in Szene gesetzt. © 2019 Constantin Film Verleih GmbH /​ nautilusfilm

So sind die Rollen für Gut und Böse auch im Film klar verteilt: die Technik als grausiger Eindringling, der naturbelassene Wald als Idyll. Als im Film eine Fällmaschine, ein sogenannter Harvester, Bäume fällt, wird das mit kreischenden Streichern untermalt. Plötzlich wird die Kameraführung hektisch und schwankend. Schnitt. Ruhig und friedlich liegt polnischer Buchenurwald vor der Kamera.

Peter Wohlleben bedient mit seinen Büchern und nun auch im Kino die Jahrhunderte alte Liebe der Deutschen zu ihrem Wald. Das kann man mögen oder nicht. Irritierend ist vor allem die Art und Weise, wie er dabei vorgeht. Er vermenschlicht die Natur wie kaum ein anderer. In Wohllebens Welt "stillen" Bäume ihren Nachwuchs, sie sind "fühlende Wesen mit ganz eigenen Zielen", sie haben "Körperteile" und sind "mutig" oder "vernünftig".  Wohlleben nimmt interessante wissenschaftliche Studien und wertvolle Alltagsbeobachtungen und überinterpretiert diese maßlos. Daraus, dass auch Bäume elektrische Signale zur Weiterleitung von Informationen nutzen, etwa um Raupen abzuwehren, macht Wohlleben, dass Bäume "Schmerz" empfinden.

Wissenschaftlich betrachtet ist das natürlich Unsinn, denn unter Schmerz verstehen Mediziner ein komplexes Geschehen, das Schmerzrezeptoren, Nervenbahnen und verschiedene Gehirnareale erzeugen und auf das etwa auch die psychische Verfassung und das soziale Umfeld des Menschen einwirken. Für Schmerz braucht es Bewusstsein. Und dass Bäume das haben, was man gemeinhin ein Bewusstsein nennt, ist nahezu ausgeschlossen. Auch dass Bäume "Freunde" haben können oder "Liebe" empfinden, darf man als aufgeklärter Mensch bezweifeln.

Verständnis kann Bewusstsein für Naturschutz fördern

Natürlich hat die Vermenschlichung auch etwas Gutes. Vielen Menschen dürfte sie die Natur, die sie umgibt, näherbringen. Sie dürfte ihnen zeigen, wie komplex die Prozesse sind, mit denen die Natur sich erhält, wie vielfältig die Formen der Symbiose in Ökosystemen. Zu verstehen, wie reich und faszinierend das Innenleben von Ökosystemen ist, kann ein Bewusstsein für Naturschutz fördern. Etwas, das gerade in einer Zeit, in der der Klimawandel außer Kontrolle zu geraten scheint, ein hohes Gut sein kann.

Ist die Vermenschlichung also harmlos? Nein. Denn um zu emotionalisieren, verwischt sie die Grenze zwischen Mensch und Natur. Wohllebens Film wird damit – ob gewollt oder nicht – Teil einer gesellschaftlichen Strömung, die Naturnähe und Natürlichkeit zur moralischen Maxime erhoben hat. Auch viele radikale Impfgegner, Pauschalgegner der Gentechnik oder Diätfanatiker suchen den Ausweg aus der vorgeblichen Entfremdung des Menschen von seinen Ursprüngen in der neuerlichen Verbindung mit einer als gut und sanft idealisierten Natur und verkennen dabei, wie ambivalent das Verhältnis von Mensch und Natur stets gewesen ist.

Zum Ende des Films beantwortet Peter Wohlleben selbst noch eine Frage zur Vermenschlichung. Das sei doch eine Fangfrage, sagt er: "Ich finde, man kann die Natur nicht zu sehr vermenschlichen." Es gibt viele Gründe, das anders zu sehen.