Das Bizarre an der Geschichte um den ehemaligen Filmproduzenten Harvey Weinstein ist, dass sie sich bereits wie ein Drehbuch liest. In jeder neuen Wendung sieht man schon die Verfilmung vor sich. Bei der könnte lediglich die Frage sein, wann genau sie mit der Handlung einsetzt. Die heute bekannten Vorwürfe gegen Weinstein wegen sexualisierter Gewalt gegen Frauen führen bis in die Neunzigerjahre zurück; schon wegen der Verjährungsfristen sind manche der ihm zur Last gelegten Taten nicht Gegenstand des Strafprozesses, der nun am Montag in New York City startet. Erwartet wird, dass er etwa zwei Monate dauern könnte. Sollte dann auch wirklich ein Urteil gefällt werden gegen Weinstein, wäre das nicht nur das mutmaßliche Ende der Karriere des einst übermächtig erscheinenden Produzenten. Es wäre auch ein guter Anfang für einen Film über ihn. 

Beginnen könnte der auch mit dem Moment, in dem die Öffentlichkeit zum ersten Mal eine Vorstellung von den Vergehen bekam, die Weinstein heute vorgeworden werden: Am 5. Oktober 2017 erschien der erste Enthüllungstext der Reporterinnen Jodi Kantor und Megan Twohey in der New York Times, fünf Tage später dann im New Yorker der erste des Reporters Ronan Farrow, der zuvor fast zwei Jahre lang vergeblich versucht hatte, seine Recherchen über Weinstein bei seinem damaligen Arbeitgeber zu veröffentlichen, dem Fernsehsender NBC. Diesen ersten, bereits erschütternden Berichten über Weinsteins einstiges mutmaßliches Belästigungs- und Unterdrückungssystem folgte eine beispiellose Welle weiterer Anschuldigungen gegen ihn. Am Ende äußerten mehr als 80 Schauspielerinnen, Mitarbeiterinnen oder ehemalige Angestellte Vorwürfe gegen ihn.

In der Folge bekannten und bekennen bis heute Frauen in der ganzen Welt öffentlich: Mir ist das auch passiert. Ich war oder bin Anzüglichkeiten an meinem Arbeitsplatz ausgesetzt, habe sexuelle Belästigung oder Missbrauch im Job erfahren. Aus einem Hashtag, der bereits vor den Weinstein-Enthüllungen existierte, entstand eine globale Bewegung namens MeToo, die auch viele Männer nachdenklich werden und ihr eigenes Verhalten hinterfragen ließ. 

Im Fall Weinstein gingen Behörden in New York City, Los Angeles und London den Vorwürfen nach. Im Mai 2018 stellte sich Harvey Weinstein in Manhattan der Polizei, er kam so seiner Festnahme zuvor. Er erschien daraufhin mit grauem Gesicht vor dem New York County Criminal Court, abgeführt wurde er von der Polizistin Keri Thompson, gleichsam stellvertretend für all seine mutmaßlichen Opfer. Fotos davon gingen als Symbolbilder um die Welt, als Zeichen, dass Macht und Geld einen mutmaßlichen Täter nicht endlos vor Strafverfolgung schützen können. 

Doch so einfach ist das alles natürlich nicht. Vor etwa einem Jahr sah es sogar mal so aus, als könnte der Prozess gegen Weinstein platzen. Ursprünglich sollte in New York über mögliche Straftaten des Produzenten gegen drei Frauen verhandelt werden, doch der vorsitzende Richter James Burke hatte die Vorwürfe eines der mutmaßlichen Opfer nicht zugelassen. Und Mitte Dezember 2019 berichtete die New York Times von einer aufsehenerregenden Einigung, die der ehemalige Produzent mit dem Großteil der Frauen geschlossen hatte, die ihn sexueller Übergriffe bezichtigt hatten. Etwa 30 Schauspielerinnen und ehemalige Angestellte hätten der finanziellen Kompensation zugestimmt, berichtete die Zeitung. Dieser Deal, konstatierte die New York Times, würde fast jeden Prozess gegen Weinstein und seine frühere Firma beenden. Die Frauen, die der Einigung zugestimmt haben, können nicht mehr rechtlich gegen ihn vorgehen. 

Eine Zäsur für die MeToo-Bewegung

Aktivistinnen der MeToo-Bewegung muss diese Lösung wie Hohn vorkommen. Weinstein selbst bräuchte laut der Vereinbarung die fälligen knapp 25 Millionen US-Dollar gar nicht selbst zahlen, dies sollen die Versicherungen tun, die seine inzwischen bankrotte Filmproduktionsfirma Weinstein Company vertreten. Und er müsste durch diese Regelung kein Fehlverhalten zugeben. Weinstein hat bisher alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurückgewiesen und betont, jegliche sexuellen Kontakte seien freiwillig erfolgt.    

Deshalb erscheint der Strafprozess umso bedeutsamer, der nun gegen den 67-Jährigen im State Supreme Court in Manhattan beginnt. Für viele Frauen, die in den vergangenen zwei Jahren für die MeToo-Bewegung gekämpft haben, markiert dieser Tag eine Zäsur. Endlich sitzt der Mann, der sich jahrzehntelang allen juristischen Konsequenzen entziehen konnte, auf der Anklagebank. Endlich muss er sich äußern zu den Vorwürfen, die zwei Frauen gegen ihn erhoben haben: Ein bisher nicht namentlich bekanntes mutmaßliches Opfer beschuldigt Weinstein, sie im März 2013 vergewaltigt zu haben; und die ehemalige Produktionsassistentin Mimi Haleyi wirft ihm vor, er habe 2006 gegen ihren Willen Oralsex an ihr vollzogen.

Weinstein werden unter anderem rape in the first degree und predatory sexual assault zur Last gelegt, also Vergewaltigung und Nötigung, die besonders schwerwiegend ist oder wiederholt verübt wurde. Kurz: Es geht um die Frage, ob Weinstein fortgesetzte sexuelle Belästigungen begangen hat.

Die Staatsanwaltschaft wird höchstwahrscheinlich versuchen, zu beweisen, dass Weinsteins Übergriffigkeit gegenüber Frauen System hatte. Ähnlich war das im Prozess gegen Bill Cosby, der im April 2018 wegen sexueller Nötigung verurteilt worden ist und deswegen derzeit eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren absitzt; im Dezember 2019 erst bestätigte ein Berufungsgericht das Urteil. Im ursprünglichen Prozess waren lediglich Straftaten Cosbys gegen Andrea Constand verhandelt worden. Geschadet hatten Cosby aber auch die Aussagen fünf anderer Frauen, die den Geschworenen vor Gericht berichtet hatten, sie seien ähnlich wie Constand ebenfalls von dem Entertainer unter Drogen gesetzt und sexuell attackiert worden. Das hatte der Staatsanwaltschaft erlaubt, von einem Verhaltensmuster des Angeklagten zu sprechen.