ZEIT ONLINE: Herr Loach, Ihr neuer Film Sorry We Missed You erzählt von dem Paketzusteller Ricky und der Altenpflegerin Abbie, die in ungesicherten Arbeitsverhältnissen um ihre ökonomische und familiäre Existenz kämpfen. Wie weit verbreitet sind diese Art von Jobs heute in Großbritannien?

Ken Loach: Mittlerweile sind in Großbritannien Millionen Menschen davon betroffen. Viele werden, wie der Paketzusteller Ricky, als Selbstständige ohne irgendwelche Sozialleistungen unter Vertrag genommen, obwohl sie in Wirklichkeit nur für eine Firma arbeiten. Andere, wie die Altenpflegerin Abbie, haben Arbeitsverträge ohne festgeschriebene Stundenzahl bei sehr geringem Lohn. Die Unternehmen setzen sie ein, wie es ihnen gerade passt. In den vergangenen zehn Jahren sind von den Stellen, die neu eingerichtet wurden, zwei Drittel in solch prekären Arbeitsverhältnissen entstanden. Tendenz steigend.

ZEIT ONLINE: Wie wirkt sich diese Form von Arbeit im Niedriglohnsektor auf das persönliche und familiäre Leben aus?

Loach: In diesen Arbeitsverhältnissen muss man viele Überstunden machen, um die knallharten Vertragsbedingungen zu erfüllen und finanziell über die Runden zu kommen. Das ist eine sehr perfide Form der Selbstausbeutung. Da steht kein Vorarbeiter mehr und treibt die Leute an. Das geht ganz von selbst. Viele von den Paketzustellern arbeiten zwölf bis vierzehn Stunden am Tag und sehen ihre Familie kaum noch. Auf der Arbeit müssen sie gegenüber den Kunden immer ein freundliches Gesicht zeigen. Wenn sie dann spät nach Hause kommen, sind sie erschöpft und haben keine Geduld mehr. Das greift eheliche Beziehungen an, gerade auch, wenn man Kinder hat, die nun einmal elterliche Aufmerksamkeit, Zeit und Geduld brauchen. Es wird immer Konflikte in Familien geben. Das ist normal. Aber durch die ständige Überarbeitung werden diese Konflikte enorm verschärft, weil den Beteiligten die Kraft und der lange Atem für eine produktive Auseinandersetzung fehlt.

ZEIT ONLINE: "Dem Kunden ist es egal", sagt der Depotleiter zu Ricky. Ist diese Gleichgültigkeit eine Konsequenz des Click & Buy der Digitalgesellschaft?

Loach: Früher ist man in einen Laden gegangen, hat sich mit den Besitzern unterhalten und kannte deren Lebensumstände. Von diesem alltäglichen Netz direkter sozialer Beziehungen ist mit der digitalen Ökonomie einiges verloren gegangen. Vieles ist anonymer geworden. Dabei wird immer behauptet, die Technologie sei neutral. Aber man muss sehen, wer die Technologie in der sogenannten Gig-Economy kontrolliert und wem sie nutzt. Und in den meisten Fällen wird sie dazu genutzt, Profit für die Unternehmen zu generieren.


ZEIT ONLINE: Als Ricky seinen Job als selbstständiger Paketzusteller antritt, zieht er voller Elan wie ein Krieger ins Feld ...

Loach: Am Anfang denkt er, er sei ein Krieger der Straße, der tapfer um das finanzielle Überleben seiner Familie kämpft. Aber dann wird er eines Besseren belehrt und muss feststellen, dass er nur ausgebeuteter Arbeiter auf dem sogenannten freien Markt ist.

ZEIT ONLINE: Seine Frau Abbey pflegt ihre Klienten so, wie sie ihre eigene Mutter pflegen würde. Was macht das Pflegesystem mit Menschen, die ihre Arbeit mit einem solchen Anspruch angehen?

Loach: In der Vorbereitung zu diesem Film haben wir viele Altenpflegerinnen getroffen, die ihre Arbeit mit einem großen Herzen machen und deshalb umso mehr ausgebeutet werden. Sie gehen eine Verbindung mit den Menschen ein, um die sie sich kümmern, aber sie werden durch die enge Taktung in eine Situation gebracht, in der sie keine Zeit mehr haben, sich mit den Patienten zu unterhalten. Dabei ist Kommunikation das Wichtigste, was ein alter, einsamer Mensch braucht.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet der Brexit aus der Sicht eines Arbeitnehmers im Niedriglohnsektor?

Loach: Die ganze Brexit-Diskussion ist im Grunde ein Streit zwischen zwei Lagern im rechten Spektrum. Denjenigen, die in der EU bleiben wollten, ging es um ihren Anteil am europäischen Markt. Dafür wären sie bereit gewesen, die spärlichen EU-Vorschriften zum Schutz von Arbeitnehmern zu akzeptieren. Die Seite der Brexit-Befürworter glaubt, dass sie die Menschen besser außerhalb der EU ausbeuten kann. Sie wollen ein Wirtschaftssystem, dass auf Niedriglöhnen und prekären Jobs aufbaut, geringe Steuern für Unternehmen und eine noch stärkere Deregulierung des Markts. Das wäre die logische Ausweitung dessen, was Thatcher in den Achtzigern begonnen hat.

ZEIT ONLINE: Dennoch konnte Boris Johnson gerade auch unter Arbeitern viele Wähler auf seine Seite ziehen.

Loach: Johnson hat den Arbeitnehmern suggeriert, dass sie mit dem EU-Austritt wieder die Kontrolle bekommen. Aber diese Kontrolle wird es für die kleinen Leute nie geben. Boris Johnson ist genauso wie Donald Trump ganz offensichtlich ein Lügner und Betrüger. Dennoch ist es dem rechten Populismus in Großbritannien und anderswo gelungen, die Wut der Menschen einzufangen und sie für ihre eigenen Zwecke zu benutzen.   

"Sorry We Missed You" läuft ab dem 30. Januar im Kino.