Wie eng die Welt damals gewesen ist, wie stickig und still; man hatte das fast schon wieder vergessen. Aber dieser Film braucht nur wenige Bilder, ein paar Einstellungen, ein bisschen Dekor, ein paar unterdrückte Dialoge am Abendbrottisch, um das Gefühl wiederherzustellen, das jeder kennt, der einmal aus der westdeutschen Provinz der Nachkriegsjahre in die große weite Welt fliehen musste: dieses Gefühl der Beklemmung, diesen Druck auf der Brust; diese Angst, keine Luft mehr zu kriegen, wenn man auch nur noch einen weiteren Tag, eine weitere Woche in diesem Sarg zubringen muss, den die eigenen Eltern ihr Wohnzimmer nennen und ihr Zuhause. Dieses Gefühl: Ich muss hier raus.

So geht es auch Udo. Er wird 1946 geboren und wächst im westfälischen Gronau auf. Sein Vater ist Klempner, unglücklich, alkoholkrank und depressiv, er wäre gern etwas anderes geworden, vielleicht Dirigent, aber alle Lindenbergs vor ihm waren schon Klempner, darum steht für ihn fest, dass er einer ist und dass auch sein Sohn einer wird. Aber Udo will nicht Klempner werden. Er spielt lieber Schlagzeug, er trommelt sich in seinem Kinderzimmer die Seele aus dem Leib und die Verspannung aus dem Körper, während sein Vater sich nebenan dem Ende entgegentrinkt und die Mutter dazu schweigt. Udo will raus, er hört Glenn Miller, er spielt in Jazzbands, er kriegt – gerade 17 geworden – ein Engagement bei der US-Armee in Libyen und scheitert vor einem grölenden Mob kläglich bei seinem ersten Versuch als Sänger. Schließlich landet er auf der Hamburger Reeperbahn und säuft sich fast zu Tode, während er gleichzeitig um sein Leben spielt und um die Chance, endlich sein Ding zu machen.

Die beste Besetzung, die man sich wünschen kann

Lindenberg! Mach Dein Ding heißt der Film, in dem die Regisseurin Hermine Huntgeburth die frühen Jahre des Rocksängers Udo Lindenberg nachzeichnet, von seiner Kindheit und Jugend über die ersten Karriereversuche bis zu dem Album, mit dem er seinen Durchbruch erlebt: Alles klar auf der Andrea Doria aus dem Jahr 1973. Jan Bülow, 1996 geboren, spielt Udo Lindenberg. Er ist also genau fünfzig Jahre jünger als das Original und er ist die beste Besetzung, die man sich wünschen kann. Sein Udo hat ein Ziel, aber er hat keinen Plan oder er hat viele verschiedene Pläne zur selben Zeit. Diese innere Zerrissenheit, diese ständigen Wechsel aus Hyperaktivität und Lethargie, aus Geistesblitzen und lähmender Verzweiflung übersetzt Jan Bülow in eine Körpersprache, die unentwegt zwischen Kontrolliertheit und komplettem Sichgehenlassen changiert.

Er ist fahrig, unkonzentriert, unentwegt auf der Suche und auch unentwegt auf der Flucht – vor sich selbst, vor seiner Herkunft, vor seiner Angst vor dem Scheitern. Zugleich ist er bis ins Manische entschlossen, "sein Ding zu machen", das heißt: eine Musik, die so klingt wie nichts anderes zu jener Zeit (und schon gar nicht wie die epigonalen Rock-, Soul- und Progressive-Rock-Bands, die ihn umgeben). Er will seine Lieder auf Deutsch singen, auch wenn das "die Sprache der Täter" ist, wie man ihm vorhält, und die Sprache des Schlagerkitsches. Wenn er glaubt, dass er endlich weiß, was er will, stößt er zur Not selbst die engsten Freunde von sich wie seinen Wegbegleiter und Bassisten Steffi Stephan (Max von der Groeben) und kehrt am Ende doch wieder zu ihnen zurück. Er ist wegen seiner ausgeprägten Selbsteinschätzung als Chef eigentlich unfähig, in einer Band zu musizieren, und findet am Ende doch mit einer zusammen, die ihn dann noch Jahrzehnte begleitet.

Jan Bülow schlüpft tief in seine Rolle hinein, ohne sich in den leicht wiederzuerkennenden Manierismen des späteren Lindenberg zu verlieren, sie flackern allenfalls in Andeutungen auf. Er ist von anderen glänzenden Schauspielern umgeben: Den Vater Lindenberg spielt Charly Hübner mit tragischer patriarchaler Brutalität und schließlich herzzerreißender Kläglichkeit im Verfall; Ruby O. Fee gibt Paula aus Sankt Pauli ("die sich immer auszieht", wie es in dem gleichnamigen Lied heißt) mit einer selbst den zappelnden Udo erotisch und auch sonst wie überfordernden hyperaktiven Souveränität; Detlev Buck darf als Plattenfirmenzampano so hemmungslos überchargieren, dass es ihn ständig aus der Bahn zu tragen droht, und wird doch vom Rhythmus des Films, von seinen Farben und Bildern verlässlich aufgefangen.