Neben Jan Bülow als Udo (links) spielt Detlev Buck einen Plattenfirmenchef. © DCM /​ Gordon Timpen

Es sind aber auch gerade diese Farben und Bilder, die an Lindenberg! Mach Dein Ding so bemerkenswert sind. Es ist ein großer Ausstattungsfilm, liebevoll und präzise gebaut vom Gronauer Wohnzimmer 1951 bis zur "Villa Kunterbunt", jener Künstler-WG, in der Lindenberg Anfang der Siebziger unter anderem mit Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen wohnte. Hier ist der Nachkriegsmief der steril geordneten Lebenswelt einer ausgiebig ausgekosteten Überfülle aus Zeichen des dekadenten Verfalls gewichen.

Über allem hängen dichte Schwaden aus Zigarettenrauch, und alle sind ständig betrunken, berauscht und bedröhnt. So handelt dieser Film auch davon, dass sich die Jahrzehnte des westdeutschen Wirtschaftswunders von vielen Menschen nur in betäubter und sedierter Verfassung ertragen ließen. Das war bei den Vätern nicht anders als bei den Söhnen, nur dass die Söhne auf das Bier und den Schnaps dann auch noch ein paar Haschzigaretten und LSD-Pillen drauflegten. Die Kamera findet schöne Bilder für alle Arten von Räuschen und Trips und Katerstimmungen, man fliegt auf den Schwingen halluzinogener Substanzen über die Reeperbahn hinweg und durch den Alten Elbtunnel hindurch; und wenn man mit Udo und seinem Bassisten Steffi nach durchzechter Nacht durch schlierige Kamerafilter ins Morgenlicht blickt, fasst man sich an die Schläfenlappen und spürt wieder das bleierne Gefühl hinter der Stirn, das man bei einem ordentlichen Hangover in einer – schon wieder – kleinen und stickigen Junggesellenbude spürt.

Wer Udo Lindenbergs Biografie kennt, wird viele Details daraus wiederfinden, etwa den Auftritt des Jazzsaxofonisten Klaus Doldinger, in dessen Band Passport Lindenberg Anfang der Siebziger am Schlagzeug saß; von ihr stammt die bis heute noch vor jedem Tatort zu hörende Titelmelodie. Eine lange Episode ist jener kurzen, unerfüllten Liebe gewidmet, die Lindenberg auf der Andrea-Doria-LP aus dem Jahr 1973 als Mädchen aus Ostberlin verewigt hat. Der Künstler hat die Drehbuchautoren beraten und den Film hinterher gutgeheißen, es herrscht also eine hohe Realitätstreue, die Lindenberg-Fans voll zufriedenstellen wird.

Bevor Udo Lindenberg zu Udo Lindenberg wurde

Man muss aber gar kein Fan sein. Man kann diesen Film – das ist seine eigentliche Leistung – auch mit Interesse und Rührung betrachten, wenn man den Udo Lindenberg der letzten Jahrzehnte nicht leiden kann; wenn einem der manierierte Gestus, das pseudounangepasste Genuschel, die versteinerte Karikatur des Berufsjugendlichen seit Langem schon auf die Nerven gehen; und wenn man sich von dem seifigen Großkünstlerschwulst seiner letzten Alben mit Grausen abgewandt hat.

Mach Dein Ding zeigt die Zeit, bevor Udo Lindenberg zu Udo Lindenberg wurde und also der Mensch zur Karikatur. Der Film zeigt einen Menschen, der noch ganz unverhärtet ist; der gegen den Stillstand der Welt und die Verspannung der Körper auf Entfesselung, Lockerung, unermüdliche Hektik setzt; der sich wie eine zappelnde Gliederpuppe eben deswegen bewegt, weil um ihn herum alles wie eingefroren erscheint. Darin wird der Udo Lindenberg in diesem Film – und auch das ist das große Verdienst von Jan Bülow – zum physischen Symbol einer Epoche, die in allen Belangen nach Erneuerung suchte und nach Dekonditionierung.

Am Ende kann man auch mit anderen Augen auf den Udo Lindenberg von heute blicken. Man sieht, dass in dessen affektiertem Gehabe eine Widerstandsgeste geronnen ist, die einerseits in eine weit entfernte Vergangenheit weist; aber andererseits auch: in eine Vergangenheit, die uns in ihrem Stillstand und in ihrer biedermeierlichen Angst vor Veränderung heute wieder näher ist, als wir es wahrhaben wollen.