Emily Beecham spielt die Biologin Alice, Kit Connor deren Sohn Joe. Er ist auch Namensgeber für die jüngste Schöpfung seiner Mutter. © X Filme/​X Verleih

Regt sich da nicht etwas Unheimliches? In den sterilen Laboren eines britischen Gewächshauses haben zwei junge Wissenschaftler mittels Genmanipulation eine innovative Pflanze erschaffen, die gewärmt, gehegt und angesprochen werden muss wie ein lebendiges Wesen. Als Belohnung verströmt sie einen Duft, der glücklich machen soll. Doch bald schon regt sich ein Verdacht: Könnte es sein, dass ihr Blütenstaub ins menschliche Gehirn eindringt und davon Besitz ergreift, so wie die außerirdischen Körperfresser in dem Horrorfilm von 1956, die Menschen durch emotionslose Doppelgänger ersetzten? Zunächst streckt die Blume der Welt neugierig ihre roten Tentakelblütenblätter entgegen. Sie scheint tatsächlich auf Ansprache zu reagieren und stößt einen feinen Pollennebel aus. Doch ist der wirklich harmlos? Verändert er die Menschen nicht auf gefährliche Weise? Oder sind es einfach nur unterdrückte Wünsche und Ängste der Betrachterin, die da hervorbrechen?

Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner ist eine Meisterin darin, ambivalente Signale zu senden. Immer wieder hat sie klassische, meist männlich besetzte Genres wie Horror und Science-Fiction, aber auch den Kostümfilm aufgegriffen, um sie dann aus ihrer ganz eigenen Perspektive neu umzusetzen: "Vor allem interessiert es mich, gängige Regeln zu brechen, die Sehgewohnheiten herauszufordern", sagt Jessica Hausner beim Gespräch in einem der Büros ihres Verleihs. "Mit dieser vielschichtigen Darstellung der Wirklichkeit will ich den Zuschauer aus seiner gewohnten, passiven Konsumentenhaltung rauslocken. Er soll sich immer fragen: Stimmt das jetzt wirklich, was ich da gerade gehört oder gesehen habe? Was ist richtig, was falsch?"

"Ich habe aus meinen Kurzgeschichten Kurzfilme gemacht"

Geboren wurde Jessica Hausner 1972 als jüngste von drei Schwestern in einen Wiener Künstlerhaushalt. Von ihrem Vater, dem Maler Rudolf Hausner, wurde sie früh dazu angestiftet, genau hinzuschauen und dem ersten Blick nicht zu trauen: "Dass mein Vater mit uns Kindern viel über Bilder gesprochen hat, beeinflusst mich bis heute. Wir waren viel in Museen. Statt ans Meer zu fahren, haben wir Urlaube gemacht, in denen wir jeden Tag in den Prado gegangen sind. Wir haben viel über bildende Kunst gesprochen in der Familie. Unser Vater war jemand, der uns Bilder wie Geschichten nahegebracht hat."

Zunächst wollte Jessica Hausner Schriftstellerin werden, schon als Teenager verfasste sie Kurzgeschichten. Mit 16 Jahren, als es noch keine Handys gab und nicht jeder eine Filmkamera besaß, borgten sie und ein Freund sich die Kamera von dessen Vater aus, der beim österreichischen Fernsehen arbeitete: "Ich habe sozusagen aus meinen Kurzgeschichten Kurzfilme gemacht. Ich erinnere mich noch gut an das rauschhafte Gefühl, das ich hatte, als ich die Kamera aufgestellt und diesen Freund inszeniert habe. Das war ein Allmachtsgefühl: Ich kreiere Wirklichkeit! Es war überhaupt nicht mit dem Schreiben einer Szene zu vergleichen, das mir im Vergleich schal erschien."

Jessica Hausner studierte dann Regie an der Wiener Filmakademie, wo Michael Haneke zu ihren Lehrern gehörte, was gelegentlich durchscheint. Auch in ihren Filmen gibt es diese vernachlässigten, verstörten und gefährlichen Kinder und Jugendlichen. Und auch die kühle Sachlichkeit, mit der Hausner ihre Szenerien konstruiert, und das von allen impulsiven Leidenschaften gereinigte Spiel der Darsteller erinnert an das Kino ihres Landsmanns. Anders als bei Haneke gibt es in Hausners Filmen jedoch immer mehrfache Brechungen, ein Gespür für die Absurditäten des Alltags, eine feine Ironie, die immer wieder auch in Komik mündet.

Nach einigen preisgekrönten Kurzfilmen drehte Jessica Hausner 2001 ihr Langfilmdebüt Lovely Rita, das seine Premiere gleich in der Nebenreihe Un Certain Regard in Cannes feierte, wohin sie seitdem mit drei weiteren Filmen eingeladen wurde. Schon sehr früh, als die österreichische Filmszene noch sehr lokal orientiert war, wollte Jessica Hausner Filme drehen, die auch international funktionieren. Ihren jüngsten Film Little Joe auf Englisch zu drehen war da ein ganz natürlicher Schritt.

Anders als andere international erfolgreiche Regisseure und Regisseurinnen hat Hausner aber niemals von Hollywood geträumt: "Ich liebe die Unabhängigkeit! In einem System wie Hollywood könnte ich meine Filme nicht realisieren. Darum muss ich die größtmögliche Selbstständigkeit bewahren und meine Filme selbst und in Europa produzieren." Weil sie im Österreich der späten Neunzigerjahre keine echten Vorbilder und Anknüpfungspunkte fand, gründete sie zusammen mit drei anderen Filmschulabgängern, mit den Regisseuren Barbara Albert und Antonin Svoboda sowie dem Kameramann Martin Gschlacht eine eigene Produktionsgesellschaft, Coop99.

In gewisser Weise sind alle Filme, die Jessica Hausner in den vergangenen 20 Jahren geschrieben, inszeniert und produziert hat, Versuchsanordnungen. Sie liebt sorgfältig konstruierte Schauplätze, die sie als geschlossenes System maximal kontrollieren kann. In ihrem halblangen Film Toast (2006) war es eine Küche, in Hotel (2004) ein einsam gelegenes Waldhotel, in Amour Fou (2014) waren es die Salons des frühen 19. Jahrhunderts. "Das hat damit zu tun, dass es mir um die Darstellung des Menschen geht", sagt Hausner. "Nicht um das Originelle, Individuelle an jeder Persönlichkeit, sondern im Gegenteil, um die Fremdbestimmtheit, in der dieser Mensch Teil eines größeren Ganzen ist, in dem er seine Rolle spielt. Deshalb wähle ich sehr oft Institutionen als Setting – ein Hotel, eine Schule, ein Labor –, einen Mikrokosmos, in dem ich gesellschaftliche Positionierungen untersuchen kann. Es geht in meinen Filmen immer um ein Gruppenbild, in dem jeder Teilnehmer in seiner Rolle irgendwie festgelegt ist."