Yes, they can! – Seite 1

Fast überall wird dieser Film mit Bonnie & Clyde verglichen, dabei hat er viel mehr gemein mit Thelma & Louise. Die beiden Hauptfiguren sind nämlich kein raubendes, in Serie mordendes Gangsterpärchen auf der Flucht, was natürlich auch romantisch sein kann. Sondern sie sind zwei eigentlich unbescholtene schwarze Menschen in den USA, die nur deswegen fliehen müssen, weil sie aus einer tragischen Verkettung heraus (struktureller Rassismus + Polizei-Schikane + eine im richtigen oder eben im falschen Moment auf der Straße liegende Pistole) jetzt einen Polizisten auf dem Gewissen haben. Notwehr. So wie einst auch bei Thelma und Louise.

Die flohen ja in ihrem Ford Thunderbird so malerisch mit offenem Dach durch Amerika, weil sie wussten, dass man zwei Frauen niemals abnehmen würde, dass eine von ihnen von dem Typen, der jetzt tot ist, vor einer Bar fast vergewaltigt worden wäre. In Queen & Slim wissen die beiden Protagonisten auch, dass sie nur eine Option haben, nämlich aufs Gas zu treten, von Cleveland aus immer weiter in Richtung Süden. Denn: Zwei Schwarze, die nachts bei einer Routine-Verkehrskontrolle einen weißen Polizisten (genialer Kurzauftritt: Sturgill Simpson) erschossen haben, werden zu Lebzeiten nie wieder aus dem Knast kommen. Selbst wenn es eben Notwehr war und der rassistische Cop mit seiner Schikane die Situation erst zum Eskalieren brachte.

Wobei Slim (Daniel Kaluuya) erst noch Skrupel plagen, während er auf die Leiche blickt: "Wir können ihn doch nicht einfach hier liegen lassen?" Queen (Jodie Turner-Smith) ist diejenige, die Jura studiert hat, sich also keinerlei Illusionen darüber macht, wie es ausgehen wird. Sie bestimmt: "Yes, we can!" Da erschrickt man im Kino natürlich, denn das ist Barack Obamas genial simpler Wahlkampfslogan, der dem schwarzen Amerika vor zwölf Jahren so viel Hoffnung gab, unter anderem auf ein endlich gleichberechtigtes Leben in den USA, ohne Angst vor Verfolgung. Der Spruch gibt hier den Startschuss zum Roadtrip, der, verkürzt gesagt, wohl nicht nötig gewesen wäre, wenn der erste schwarze Präsident der USA bei der Polizei besser aufgeräumt hätte.

Die Strafverteidigerin und der Gelegenheitsjobber

Ja, das ist schon ein ziemlich fetter Zaunpfahl, mit dem die Regisseurin Melina Matsoukas und die Drehbuchautorin Lena Waithe, beide Afroamerikanerinnen, hier winken. Queen & Slim ist aber kein politischer Film in dem Sinne, dass er allzu ernst wäre oder aktivistisch. Sondern es ist ein spannender, unterhaltsamer, extrem gut gestylter Popfilm, der auf den Diskursen um Rassismus und Polizeigewalt in den USA gekonnt surft und gut zwischen Get Out und The Hate U Give passt. Roadmovie, Thriller, Romanze, Systemanklage, tolle Schauspieler, alles mit drin.

Großartig ist zum Beispiel gleich zu Beginn die Szene, in der Queen und Slim – der Polizist lebt noch – in einem Restaurant sitzen und er sie fragt, warum sie sich jetzt auf dieses Date mit ihm eingelassen habe. Sie habe seine Tinder-Nachrichten doch wochenlang ignoriert. "Du hast mir leidgetan", sagt sie, die Strafverteidigerin mit ihrem exzellenten Abschluss, deutlich herablassend zu ihm, dem Gelegenheitsjobber im Großhandel. Die Gender-Dynamik kehrt sich allerdings später ins ganz Traditionelle, wenn die beiden sich nämlich – das lässt sich auf einer dramatischen Flucht vor der Polizei ja gar nicht vermeiden – ineinander verlieben und sie dann zu ihm sagt: "Ich will einen Mann, der mir zeigt, wer ich bin." Ach so. Vorhin war sie noch stolze Juristin.

Das schwarze Amerika feiert das Paar als Freiheitskämpfer

Queen & Slim ist nun mal eben ein sehr romantischer Film. Er zieht viel Spannung aus der Parallelisierung zweier Motive: Während das Pärchen von der Polizei gejagt wird, gelangt das Dashcam-Video aus dem Streifenwagen – es zeigt, dass der Cop zuerst geschossen hat – ins Netz und wird millionenfach angeklickt. Queen und Slim werden zu Medienikonen, die nationale Diskussion um ihre Flucht wird immer politisierter, das schwarze Amerika feiert sie als Freiheitskämpfer, als cop killer, als neue Black Panthers. Derweil wird es im Fluchtwagen immer privater. Es folgen einige fast unerträglich kitschige Sekunden, in denen hin und her geschnitten wird zwischen einem Black-Lives-Matter-Protest und dem Sex, den die beiden nun zum ersten Mal haben. Man verrät nicht zu viel, wenn man schreibt, dass in der Demonstrationseinstellung das Blut aus einem angeschossenen Polizisten in genau dem Moment herausspritzt, in dem sich in der Sex-Einstellung, bei Queen und Slim im Auto, der Orgasmus entlädt. Puh!

Andererseits: Warum meint man als weißer Filmkritiker, sich hier ob der triefenden Symbolik winden zu müssen? Weiß man aus eigener Erfahrung, wie es ist, in schwarzer Haut zu leben und zu lieben, während ebendiese Haut jederzeit der Grund dafür sein kann, erschossen zu werden? Vielleicht ist diese Szene also auch ganz großartig und man sollte den Rand halten.

Bässe ganz nach vorne gemischt

Abgesehen davon ist es schon toll, dass Queen & Slim zu solchen Gedanken überhaupt anregt. Und ebenso toll ist, dass der Film seine Fluchtgeschichte mit Musik unterlegt. Oder man sollte sagen: dass er die Fahrt von Nord nach Süd – die im Grunde natürlich eine Rückfahrt auf genau jener Route ist, auf der einst die Sklaven aus den Südstaaten in den Norden flohen – mit Songs vorantreibt. Im Grunde ist Queen & Slim sogar zuallererst ein Musikfilm. Darüber, wie in ihm Soulmusik und Rap eingesetzt werden, könnte man Bände schreiben, ebenso darüber, welche Symbolik es hat, dass der fantastische Soundtrack (Lauryn Hill, Fela Kuti, Solange, Lil Baby, Luther Vandross) auf Motown Records erscheint, quasi dem schwarzen Plattenlabel.

Die Bässe sind im Film extrem nach vorne gemischt, und das ist kein Zufall, es geht nämlich um die ambivalente Wirkung des Basses. Er kann besänftigen, ein wohliges Gefühl erzeugen, vielleicht ist der Bass sogar so etwas wie eine Droge. Bei Queen und Slim im Auto läuft andauernd Musik, seelenheilende sweet soul music, oder aggressiver Rap, aber immer: Bass, Bass, Bass. Das heißt, alles klingt ein bisschen dumpf und warm, so wie in einem Kokon, oder eben: wie im Mutterleib. Die implizite These des Films lautet: Da drinnen sitzen zwei, die sich den Schutz, den sie von der Gesellschaft nicht bekommen, aus der Musik holen. Aber ein Auto, aus dem es wummert und dröhnt, das ist natürlich erst recht verdächtig – da müssen Leute drin sitzen, die etwas im Schilde führen. Es ist ein Missverständnis, das zur Zielscheibe macht.