Vor zwanzig Jahren hat der britische Theaterregisseur Sam Mendes das Kino mit einem einzigen genialen Coup erobert. "American Beauty" handelte auf bösvergnügliche Weise von der Midlife Crisis eines Mannes (Kevin Spacey) in der Provinz. Der Film hat damals aus dem Stand fünf Oscars geholt, darunter die Königskategorien für die beste Regie und den besten Film. Seitdem wechselt Sam Mendes zwischen Theater und Film. Zuletzt hat er die beiden "James Bond"-Abenteuer "Skyfall" und "Spectre" inszeniert. Am kommenden Donnerstag kommt sein neuer Film ins Kino, "1917", der am 13. Januar für zehn Oscars nominiert wurde. Der Film spielt an einem einzigen Tag im 1. Weltkrieg. Quasi in Echtzeit folgt er zwei britischen Gefreiten, die sich durch die deutschen Frontlinien zu einer Einheit mit 1.600 Soldaten durchschlagen müssen, um sie vor einer tödlichen Falle zu warnen. In Berlin sprach der Regisseur, der erstmals als auch als Co-Autor an einem Film mitgeschrieben hat, über das Glück und den Zufall, in einem Krieg zu überleben, und über seinen Großvater, der diesen Krieg erlebt hatte.

ZEIT ONLINE: 1917 ist nach Jarhead Ihr zweiter Kriegsfilm, in dem Sie dem Krieg eigentlich aus dem Weg gehen.

Sam Mendes im Dezember 2019 in London © Reuters

Sam Mendes: Vom Krieg erzählt der Film schon, aber es stimmt, er geht den Schlachtfeldern aus dem Weg. Keiner der beiden Filme ist ein konventioneller Kriegsfilm, weil es nur sehr wenige Kämpfe gibt. Während es in Jarhead um einen Scharfschützen ging, der sich verzweifelt danach sehnt, endlich kämpfen zu dürfen und nie dazu kommt, seine Waffe abzufeuern, geht es in 1917 um zwei Männer, die das, was sie tun müssen, auf keinen Fall tun wollen, die sich vor dem fürchten, was sie hinter der nächsten Ecke erwartet, aber trotzdem gehen müssen.

ZEIT ONLINE: Auf den ersten Blick eine überraschende Stoffwahl. Den Keim zu diesem Film hat Ihr Großvater gelegt, mit den Geschichten, die er Ihnen als Kind von seinen Kriegserlebnissen erzählte. Warum hat es fünfzig Jahre gedauert, bis sie zu einem Film wurden?

Mendes: Seine Geschichten haben mich nie losgelassen. Ich wollte sie immer aufschreiben, wusste aber nicht so recht, in welcher Form. Den Mut zu einem Drehbuch bekam ich erst, als ich bei den James-Bond-Filmen viel Zeit mit den Autoren verbrachte und von Anfang an, ausgehend von der weißen Seite, an der Entwicklung des Drehbuchs beteiligt war. An den Geschichten meines Großvaters faszinierte mich, dass es darin nicht um Heldentum oder Mut ging, sondern um Zufall und Schicksal und das Glück, zu überleben, und darum, wie dünn im Krieg die Linie zwischen Leben und Sterben ist, dass der Freund direkt nebenan im Schützengraben von einem Schrapnell getroffen wird und stirbt, während man selber überlebt. Solche Geschichten hinterlassen natürlich einen großen Eindruck in der Fantasie eines Zwölfjährigen. Der Film handelt nicht von meinem Großvater, aber es gibt ihn seinetwegen.

ZEIT ONLINE: Und was können wir von der Vergangenheit lernen?

Mendes: Gosh! Eine große Frage. Nun ja, 1917 ist keine Geschichtsstunde und auch keine Dokumentation. Es ist eine gegenwärtige Geschichte über eine historische Zeit. Ich denke, man muss sich fragen, warum man einen Kriegsfilm macht, und warum man einen Kriegsfilm sehen will. Das hat damit zu tun, dass der Krieg eine der wenigen Situationen ist, in denen der Mensch auf seine Essenz reduziert wird. Da findet man heraus, was das menschliche Wesen ausmacht, wozu man fähig und was wirklich wichtig ist: dein Bruder, dein Freund oder deine Heimat. Wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt, geht es nicht darum, etwas über diesen einen speziellen Krieg zu erzählen, sondern man versucht, etwas über die Condition Humaine zum Ausdruck zu bringen. Diese beiden Soldaten könnten auch Belgier, Deutsche oder Franzosen sein, ohne dass sich die Geschichte wesentlich verändern würde. Es geht nicht darum, eine Heldengeschichte zu erzählen, sondern durch ein kleines Schlüsselloch auf ein gigantisches Kriegspanorama von Sterben und Vernichtung zu blicken.

ZEIT ONLINE: Haben Sie je in Erwägung gezogen, die Geschichte in einen anderen Krieg zu verlegen?

Mendes: Nein, das hätte in keinem anderen Krieg so passieren können. Nur im ersten Weltkrieg gab es diese erschreckende Kombination aus den Anfängen der modernen Kriegsführung, mit Panzern, Maschinengewehren und Flugzeugen, und dem gleichzeitigen Fehlen von moderner Kommunikation. Die Menschen wussten oft nicht, was direkt neben ihnen los war. Was 100 Yards entfernt passierte, hätte auch zehn Meilen entfernt sein können. Am Anfang des Films sagen die Generäle, die Deutschen seien abgezogen. Ein paar Ecken weiter im Schützengraben sagt ein Lieutenant: "Nein, das sind sie nicht." Und man weiß nicht, wer die Wahrheit erzählt. Niemand weiß es. Diese Form der Blindheit haben sehr viele Männer in diesem Krieg erlebt. Wir wissen es nur rückblickend, weil wir die Geschichtsbücher gelesen haben.