Ach ja, Zukunftsglaube, schön war's – Seite 1

Die Freuden des Winzerwesens und des Rotweingenusses haben in den 54 Jahren der bisherigen Star-Trek-Geschichte eine untergeordnete Rolle gespielt; jedenfalls dies ändert sich deutlich in der neuen Serie Star Trek: Picard, die von Freitag an auch in Deutschland zu sehen ist. Der titelgebende Ex-Admiral Jean-Luc Picard – gespielt von Patrick Stewart – hat sich nach seiner Demission aus der Sternenflotte auf das Weingut seiner Familie in der Bourgogne zurückgezogen. Aufmerksame Betrachter erinnern sich eventuell noch daran, dass er diesem schon einmal einen Besuch abgestattet hat: in der vierten Staffel der Serie Star Trek: The Next Generation, in der Picard von 1987 bis 1994 die Hauptrolle gab. Es folgten vier Kinofilme, in denen er eine Rolle spielte. Zum bislang letzten Mal ist er in dem Film Star Trek: Nemesis zu sehen gewesen, 2003, vor nun auch schon wieder siebzehn Jahren.

Die Zeit seither hat der Sternenflottenkapitän im Ruhestand zugebracht. Er hat knospende Triebe gepflegt und Trauben beim Reifen betrachtet, er hat abends auf der Terrakottaterrasse seines Anwesens gesessen und über sein Leben nachgedacht: über die Schuld, die er auf sich geladen hat; über seine gescheiterten Versuche, Frieden, Gerechtigkeit und Völkerverständigung im Alpha-Quadranten der Galaxie herzustellen; und über die gewandelten Zeitläufte, die es einem ehrlichen Raumschiffkapitän wie ihm immer schwerer machen, noch an die Moral und die Ideale der Menschlichkeit zu glauben.

Viel Grübeln und Hadern

Es liegt ein elegischer Ton über dieser neuen, nunmehr siebten Star-Trek-Serie, jedenfalls in den ersten drei Folgen, die es vorab zu sehen gab. Es wird viel gegrübelt und mit sich gehadert. Picard handelt fast durchweg von Menschen und anderen Wesen, die sich fremd in der Welt fühlen, in die sie geworfen wurden; die ihren Platz darin suchen und nach einer individuellen Identität.

Damit schließt die Geschichte an die klassischen Picard-Abenteuer aus den sieben Staffeln von Next Generation an und generell an die skeptische Science-Fiction der Achtziger- und Neunzigerjahre. Diese war ja durchweg von schwachen, selbstzweifelnden Weltraumfahrern beherrscht und von den Themen der Nicht-Identität und der Ich-Dekonstruktion – nicht nur bei Star Trek und nicht nur im Fernsehen (man denke etwa an die SF-Romane von Octavia Butler), aber dort in besonderem Maße. Man sehe sich noch einmal eine jener alten Next-Generation-Episoden an: mit diesen endlosen Grübeleien Picards über Pflicht und Verantwortung, Freud und Leid seiner persönlichen Führerrolle; mit dem dauerhaft an sich selbst leidenden Androiden Data, der trotz menschenähnlichem Design doch niemals ein echter Mensch werden kann; mit der weidlich ausgereizten Skurrilität des Kollektiv-Aliens Borg, das "mit sich identisch" nur in der Nichtidentität einer Vielheit miteinander verflochtener Wesen sein kann.

Das ist alles lange her. Fragen wie diese – nach Moral, Verantwortung und Identität – waren aus den Star-Trek-Serien der Nuller- und Zehnerjahre weitgehend verschwunden. In den vier Staffeln von Star Trek: Enterprise (2001 bis 2005) konnte man, passend zum Geist der sich wieder militarisierenden Post-9/11-Welt, markige männliche Helden bei der Eroberung des Weltalls betrachten und beim von keinerlei Selbstzweifeln getrübten Kampf gegen alles Nichtmenschliche. Die bislang letzte Serie Star Trek: Discovery (zwei Staffeln seit 2017, eine dritte ist angekündigt) spielte in der Zeit eines Kalten Kriegs  gegen die hier noch als Erzfeinde der Menschheit auftretenden Klingonen. Immerhin bemühten sich die Drehbuchautoren darum, das manichäische Schema Gut gegen Böse durch psychologische Differenzierung aufzubrechen.

Star Trek: Picard wirkt von all diesen Entwicklungen völlig unbehelligt und schließt vielmehr nahtlos an die pazifistische Stimmung der Originalserie an. Das ist eine dramaturgisch interessante Bewegung, aber man bemerkt beim Betrachten vor allem auch, wie weit entfernt unsere Gegenwart inzwischen von jener Zeit ist, die in Next Generation einst ein so gutes Spiegelbild fand; von einer Zeit, in der man sich schon einmal am "Ende der Geschichte" angelangt glaubte und in einem Zustand, in dem alle Konflikte durch den Wunsch nach Verständigung beigelegt werden können, durch den zwanglosen Zwang des besseren Arguments und durch größtmögliche Empathie mit dem Fremden und Anderen. Davon kann 2020 keine Rede mehr sein. So gilt die Nostalgie, die Star Trek: Picard verströmt, nicht nur einer alten Science-Fiction-Serie und ihren Helden, sondern auch einer vergangenen Ära der Zuversicht und des Friedens.

Allein Stewarts Spiel lohnt das Anschauen

In "Star Trek: Picard" wird sich der ehemalige Sternenflottenkapitän (Patrick Stewart, rechts) wieder ein Raumschiff organisieren und eine neue Crew zusammenstellen. © 2019 Amazon.com Inc., or its affiliates

Im Star-Trek-Universum befinden wir uns inzwischen im Jahr 2399. Picard hat seinen Posten vor dreizehn Jahren niedergelegt, weil die Regierung der Planetenföderation und die Oberen der Sternenflotte ihn nicht unterstützen wollten bei der Rettung des Volks der Romulaner, dessen Planet bei einer Supernova zerstört wurde (hier schließt die Serie an die Geschehnisse an, die J.J. Abrams in seinem ersten Star-Trek-Kino-Reboot aus dem Jahr 2009 erzählte). Die Romulaner treten als rätselhafte, schwer durchschaubare Gegner der Menschheit auf, doch dass Letztere ihnen in der Stunde des Leids jegliches Mitgefühl verwehrte, ist für den empathischen Picard immer noch unbegreiflich.

Darum hat der ehemalige Raumschiffkapitän sich aus der Welt auf das Weingut zurückgezogen, doch auch dort kommt er nicht zur Ruhe. Er wird von schlimmen Träumen geplagt, in denen ihm sein alter Begleiter, der Androide Data (Brent Spiner) begegnet, der sich im letzten Next-Generation-Kinofilm Nemesis für die Menschheit geopfert hat. Eine junge Frau namens Dahj (Isa Briones) tritt auf, in der Picard die Tochter von Data zu erkennen glaubt oder doch eben wenigstens ein Wesen, in dem dessen Neuronales-Netz-Informationen – und also: seine Identität – aufgehoben sind. Leider wird sie sogleich bei einem Anschlag von romulanischen Agenten ermordet, sodass Picard sich nun auf die Suche nach ihrem Zwillingsklon macht, um einerseits den wieder aufflammenden Konflikt zwischen den Völkern zu befrieden und andererseits nach den in diesem Klon fortexistierenden Resten der Identität seines alten Wegbegleiters zu suchen.

Skurril profilierte Charaktere

Patrick Stewart spielt seine Rolle in glänzender Weise. Er ist alt und innerlich tief verwundet und blickt aus kleinen Augen in einem müden Gesicht auf eine ihm fremd gewordene Welt. Aber so klein die Augen auch sind, so weise wirken sie doch, und so müde er anfangs erscheint, so beeindruckend ist der allmähliche Zugewinn an Kraft und Entschlossenheit, der ihn durch die Eskalation der Geschehnisse trägt. Allein Stewarts Spiel lohnt das Anschauen der Serie, und bis zum Ende der dritten Folge hat sein Picard sich dann auch ein Schiff mit einer Besatzung zusammengestellt, um wieder in die unendlichen Weiten des Alls aufzubrechen.

Angesichts der skurril profilierten Charaktere, die ihn dabei begleiten, ahnt man, dass Star Trek: Picard nun auch wieder in konventionellere Genre-Gefilde gelangt. Bis dahin kommt die Geschichte freilich nur etwas mühsam in Gang, man wohnt einer sehr langen Exposition bei, die eher durch die Komplexität ihrer Konstruktion zu gefallen versucht und durch die Konstellation der ihr zugrundeliegenden moralphilosophischen und identitätstheoretischen Fragen als durch nennenswerten narrativen Schwung. Aber das muss kein Makel sein, man braucht beim Betrachten nur etwas Geduld und Gemütlichkeit.

Passend dazu und zur Serie im Allgemeinen wurden jetzt auch zwei Star-Trek-Rotweine produziert, ein 2016 Château Picard Cru Bourgeois Bordeaux, der vom echten – allerdings nicht in der Bourgogne, sondern im Bordeaux gelegenen – Château Picard stammt; sowie ein United Federation of Planets V2 Special Reserve 2017 Old Vine Zinfandel. Dass dieser Föderationswein gerade nicht aus einer exklusiven französischen Winzerei stammt, sondern aus der kalifornischen Massenproduktion, kann man als subtilen Spiegel des in Star Trek: Picard ausgiebig ausgelebten Konflikts zwischen dem heroischen Individuum und den anonymen Institutionen der Politik sehen.

Die 11 Folgen von "Star Trek: Picard" laufen ab 24. Januar jeweils freitags auf Amazon Prime.