Endlich kehrt Til Schweiger zurück als, die Älteren werden sich erinnern, Hamburger Tatort-Kommissar. Tschill Out (NDR-Redaktion: Thomas Schreiber) ist die erste Folge des beliebten Ermittlers seit Sommer 2018, als der Kinoausflug nach Istanbul in der ARD-Sonntagabendkrimi-Erstausstrahlungspause seine Free-TV-Premiere feierte. Konservativ gerechnet, nämlich mit dem Kinostart von Tschiller: Off Duty im Februar 2016, wären es sogar vier Weihnachtsfeste und Jahreswechsel, die seither vergangen sind.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Dass es nicht weitergeht, als wäre nichts gewesen, ist dem Geleitwort von Schreiber zu entnehmen. Der Leiter des Programmbereichs Fiktion und Unterhaltung beim NDR, der eher seltener ARD-Sonntagabendkrimis redaktionell betreut, schreibt darin von einem "Missverständnis zwischen den Machern der Hamburger Reihe und den Zuschauern" und von einem Neustart: "Einmal bitte 'Reset' bei der Figur Nick Tschiller – das ist unser Ziel."

Klingt ein wenig nach der Domestizierung von Schweigers Action-Ambitionen zugunsten der Tatort-Standards; hatte der Star anfangs der Reihe Beine machen und dafür sogar den Vorspann renovieren wollen, kann man Schreibers Zeilen so verstehen, dass künftig ein paar Gänge runtergeschaltet wird: "Die Drehbuchautorin Anika Wangard und ihr Mann, der Autor und Regisseur Eoin Moore, mit dem wir schon den Polizeiruf 110 aus Rostock entwickelt hatten, dazu die Produzentin Iris Kiefer – auf dieses Team haben sich nach ein paar Gesprächen Til Schweiger und ich verständigt."

Tschill Out setzt den Protagonisten auf der Insel Neuwerk aus, wo der suspendierte LKA-Mann Nikolas Tschiller (Schweiger) betreuungsbedürftige Jugendliche betreut. Ein Erinnerungsflash ruft das Bild der schon in der vorvorletzten Folge ermordeten Ex-Frau auf (Stefanie Stappenbeck), gleichzeitig wäre Tschiller nicht Tschiller, wenn er sich nur auf Trauerarbeit konzentrieren würde.

Ex-Kollege Yalcin Gümer (Fahri Yardım) verschifft Tom Nix (Ben Münchow), Mitglied einer "linksradikalen Punkband", auf die Insel, um ihn in Sicherheit zu bringen. Nixens Bruder ist ermordet worden bei Gümers Versuch, die Jungs nach Málaga zu bringen.

Beide waren in Haft gelandet, weil sie einen Onlinemarktplatz für weiche Drogen betrieben, der allerdings mit dunkleren Geschäften verlinkt ist. Während Gümer nach dem Maulwurf in den eigenen Reihen sucht (was sich als Indiskretion des Tom-Bruders erklärt, der in die sinistren Onlinegeschäfte verwickelt ist), läuft der Ärger auf Tschiller zu, weil einer der fiesen Kriminellen Tom Nix nach dem Leben trachtet.

Eigenartig ist zu sehen, wie in Tschill Out der Schweigerismus und der Tatort (im Sinne eines ganz gewöhnlichen Falls) miteinander ringen. So spricht der Film mehrfach an, was an der Heldenfigur problematisch ist. "Du geilst dich nur auf mit deinem Papa-Spielen", wirft dem Kommissar ein Nietzsche genannter Jugendlicher (Simon Frühwirth) vor.