Nach der ganzen Aufregung zu Beginn des Jahres mit Schüttes Impro-Nummer und Tschillers Mal-Runtergekomme schleicht Köln um die Ecke. Genau im richtigen Moment, möchte man meinen, weil Köln das Antidot zu allem ist, Mittelmaß und Grundstulligkeit sind garantiert.

Und dann das: Die Folge Kein Mitleid, keine Gnade (WDR-Redaktion: Götz Bolten) entpuppt sich bei genauem Hinsehen als ziemlich übles Teil, das, wen wundert's, von seiner Übelkeit noch nicht mal einen Begriff hat. Die Geschichte (Drehbuch: Johannes Rotter) handelt von einem toten Schüler, der in der Schule gemobbt wurde. Wegen seiner Homosexualität, wie dieser Tatort nicht müde wird zu beschwiemeln. Der Verdacht fällt schnell auf ein ziemlich unsympathisches Trio innerhalb einer Projektgruppe, in der auch der tote Pennäler mitwirkte an hochstehender ornithologischer Forschung (was mit Krähen und Raben). Zum Trio gehören: der machoide Fußballspieler Robin (Justus Johanssen), der mit dem Getöteten befreundet war, bis es ihm zu schwul wurde, wie man im Duktus von Kein Mitleid, keine Gnade wohl sagen müsste. Dazu das Reichenkind Lennart (Moritz Jahn) und die Unterprivilegierten-Tochter Nadine (Emma Drogunova).

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Lennart und Nadine sind ein Liebespaar – und darüber hinaus verbunden durch den Umstand, dass Nadines Mutter (Nicole Johannhanwahr) bei Lennarts als Putzfrau arbeitet. Ein interessanter Move ins Soziale, wo man die Gesellschaft im Deutschland unserer Tage doch eher separiert wahrnehmen würde, weil die Leute nach Gehaltsklassen zusammenleben, -lieben, -arbeiten.

Auf Lennart scheint die Tatsache, dass die Frau, die hinter ihm herräumt, seine künftige Schwiegermutter sein könnte, wenig Eindruck zu machen. Er behandelt sie trotzdem wie Luft, sodass Nadine einmal in der Wäschekammer von Lennarts ein "Danke!!" auf dem Zettel anfügt, auf dem die Befehle an die Putzfrau für das nächste Engagement vermerkt sind.

Danach stöckelt Nadine die Treppe hoch, um sich sowohl Lennart hinzugeben, der eigens für sie zum Geburtstag ein Lied geschrieben hat (Ich liebe Dich, Baby), als auch mit Robin rumzumachen, was Lennart dann irgendwann nicht mehr okay findet. Klassenbewusstsein ist auch nicht das, was es mal war. In Kein Mitleid, keine Gnade regrediert es unmittelbar in hotte Sexualfantasien, wie sie sich am Sonntagabend prickelnd abfilmen lassen.

Kann man natürlich alles machen. Aber gleichzeitig versteht dann keine Zuschauerin, was das für Figuren sein sollen, wenn denen krasse Ballkleider von Zuschreibungen angezogen werden, mit denen sie aber nie ins Tanzen kommen.

Noch deutlicher wird die Misere dieses Tatorts am Hauptmotiv des homophoben Mobbings. Besonders eindrücklich ist Robins Freundschaftstrennungsdialog, der davon handelt, wie total hart ihn das Wissen um des Freundes sexuelle Orientierung getroffen habe, weil er doch jahrelang mit dem nun Auf-einmal-Schwulen in einem Bett geschlafen hatte ("Und ich muss mich fragen, ob ich seine Wichsvorlage war").

So stumpf infektiös stellt sich Kein Mitleid, keine Gnade im 21. Jahrhundert Homosexualität vor. Und verwickelt sich mit kritischen Nachfragen durch die Ermittler noch stärker ins Fantasialand seiner Homophobie ("Kommt nicht gut in einem Fußballverein, wenn man einen schwulen Freund hat").