Die amerikanische Kritik hat sich mit Bombshell schwergetan. Der Film schildert, wie sich eine Reihe von Journalistinnen beim amerikanischen Kabelkanal Fox News gegen systematische sexualisierte Gewalt zur Wehr gesetzt hat, und macht somit im Zusammenhang der #MeToo-Kampagne einerseits Mut. Andererseits gehören diese Frauen nicht zu jenen Whistleblowerinnen, mit denen man mühelos sympathisierte. Klar ist: Das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist ein universelles – es gilt auch für Frauen, die Fake-News verbreiten, zum Putin-Interview im Cocktaildress auflaufen und sich opportunistisch verhalten. Die amerikanische Kritikerin Dana Andrews brachte das Problem von Bombshell auf den Punkt, indem sie schrieb: Sie sei froh, dass die Frauen, die beim Kabelkanal Fox News systematisch sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, schließlich Gerechtigkeit erfahren hätten. "Ich bin nur nicht sicher, ob das bedeutet, dass ich zwei Stunden in ihrer Gesellschaft verbringen will." 

Tatsächlich könnte es auch deutschen Zuschauerinnen, die nicht tagtäglich von Donald Trumps Lieblingssender bestrahlt werden, schwerfallen, sich mit den Protagonistinnen zu identifizieren, die Jay Roach (Meet the Parents, Trumbo) in seiner Re-Inszenierung eines Medienskandals von 2016 anbietet. Damals, also ein gutes Jahr vor #MeToo, war Roger Ailes, Berater von Republikanern wie Reagan oder George H.W. Bush und gefeierter CEO des reichweitenstärksten Kabel-Newskanals der USA, durch eine Klage der Moderatorin Gretchen Carlson zu Fall gebracht worden. Mindestens zwanzig Frauen hatten Carlsons Vorwürfe unterstützt, darunter die in den USA sehr prominente Megyn Kelly, die sich dem Widerstand spät anschloss. Nicht nur Ailes, auch anderen Männern wurden verbale Demütigung, Erpressung und physische Attacken vorgeworfen. Vom Chef ist der programmatische Satz überliefert: "Wenn du mit den großen Jungs spielen willst, musst du die großen Jungs ranlassen."

Diese Übergriffe waren kein bloßer Unfall im System Fox News. Sexismus ist ein integraler Bestandteil der rechtspopulistischen Agenda, mit der der zum Murdoch-Imperium gehörende Kanal sein Geld einspielt. Und die Frauen, die Bombshell vorstellt, haben dieses Programm, zum Teil an vorderster Front, repräsentiert und mitgetragen. Ein Widerspruch, den der Film nicht aushält, sondern aus dem er sich herauswindet – indem er die "Frauenfrage" im Stil liberaler Identitätspolitik von allen anderen Formen der Unterdrückung trennt und die unbequemeren Eigenschaften der Protagonistinnen herunterspielt.   

Auffällig wird das vor allem in der Darstellung der von Charlize Theron mit eisiger Präzision gespielten Megyn Kelly, die den Zuschauer in der vitalen Anfangssequenz ins Labyrinth der Studiohierarchie führt und per Off-Kommentar durch den verzweigten Plot steuert. Kelly war jahrelang das Ideal einer Fox-News-Frau, im vorgeschriebenen Miss-America-Look, mit ihrer Show den bekanntesten anchormen des Senders dicht auf den Fersen. Kellys Drift Richtung Tea Party und die diskriminierenden Äußerungen, die sie selbst in die öffentliche Debatte brachten – sie hatte "den Kindern da draußen" versichert, Santa Claus sei nun mal weiß, und verteidigte noch nach ihrem Wechsel zu NBC das "Blackfacing" –,  streift der Film im Vorbeigehen: einmal geblinzelt, schon verpasst. Zu den einprägsameren Episoden gehört dagegen ein Interview mit Donald Trump während des republikanischen Vorwahlkampfs, in dem sich Kelly mit scharfen Fragen als Anwältin der Frauenrechte positioniert und zum Ziel von Shitstorms und Paparazzi wird.

Wie knackt man den misogynen Code?

Auch Nicole Kidmans Gretchen Carlson gewinnt wenig Kontur jenseits ihrer Versuche, den misogynen Fox-News-Code zu knacken; ein Gefühl der Genugtuung erzeugt immerhin die kühle Umsicht, mit der sie ihre Klage und ihren Abgang organisiert. Die Zugänglichste im Ensemble ist nicht zufällig eine "Kompositfigur", die kein identifizierbares reales Vorbild hat: Margot Robbies Kayla Pospisil, eine enthusiastische junge Journalistin aus dem evangelikalen Milieu, die sich bei Fox News weltanschaulich aufgehoben fühlt, aber flexibel genug ist, um sich mit einer ebenfalls fiktiven heimlichen Demokratin und Lesbe anzufreunden. Anders als das Roger-Ailes-Porträt The Loudest Voice vom vergangenen Jahr verzichtet Bombshell auf die beschämende Darstellung real existierender Frauen beim Oralverkehr in der Chefetage. Explizit wird der Film nur in einer Szene, in der Ailes (John Lithgow) die überrumpelte, verstörte Kayla buchstäblich vortanzen und schließlich den Rock heben lässt.

Man könnte der Inszenierung zugute halten, dass sie zeigt, wie sich die rape culture im Habitus, in der Kleiderordnung, den Bewegungen im Raum festgefressen hat: breit dahingefläzt die Männer in ihren uniformen Anzügen, exponiert die in Mini-Schlauchkleider gegossenen Frauen, die nicht wissen, wohin mit den entblößten Beinen. Auch solche Bilder sind allerdings selbstverständlicher Teil des Sender-Looks. Und den kann Bombshell, der auf einer Welle mehr oder minder satirischer Polit-Re-Enactments surft – zu den Credits des Drehbuchautors Charles Randolph gehört The Big Short –, nie ganz abstreifen. Da wirkt es schon beinahe zynisch, dass der Film in der Oscarnacht für bestes Make-up und beste Frisuren ausgezeichnet wurde. In der flotten, glanzvollen Mischung aus Fakten und Fiktion, mit den einmontierten Archivaufnahmen, Betroffenenaussagen und Info-Zeilen, selbst in der spektakulären "Echtheit" der Performances von Theron, Kidman und Lithgow folgt der Film selbst dem Fox News-Format, von dem viele meinen, es müsste unter Entertainment und nicht unter Nachricht rubriziert sein.

Theron und Kidman, die Stars in Bombshell, haben keine gemeinsame Szene; Kelly und Carlson standen sich damals nicht nahe. Nur am Ende wirft Megyn Kelly, schon auf dem Weg in ihren neuen Job, der anderen durch die Scheibe eines Restaurants einen sprechenden Blick zu. Die Solidarität, die da insinuiert wird, ist eine unter Profis. Und der Beitrag des Films zur #MeToo-Debatte, die mit dem Prozess gegen Harvey Weinstein gerade wieder in eine hitzige Phase getreten ist, kommt nicht hinaus über einen Feminismus für das eine Prozent – die Frauen, die oben mitspielen.