Für die ARD hat das Jahr 2020 nicht gut begonnen. Erst die Empörung über das gelöschte "Umweltsau"-Video, dann ein offener Brief der freien Fernsehautoren, die die Pressefreiheit in Gefahr sehen, und in dieser Woche wird  voraussichtlich die Debatte um die Erhöhung des Rundfunkbeitrags neu entfacht. Und das jüngere Publikum wandert ungebrochen zu Streamingdiensten ab. Nun will Das Erste offenbar gegensteuern und hat angekündigt, 20 Millionen Euro in die Entwicklung neuer Serienformate zu stecken. Wir wollten gern wissen, wie das aussehen wird, und haben die Programmdirektoren von WDR und NDR, Jörg Schönenborn und Frank Beckmann, am Rande der ARD-Fernsehprogrammkonferenz in Bremen getroffen. Gemeinsam verantworten sie die inhaltliche Ausrichtung für serielles Erzählen in der ARD.

ZEIT ONLINE: Herr Schönenborn, haben Sie eigentlich einen Netflix-Account?

Jörg Schönenborn: Ich benutze den meiner Frau.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie zuletzt gesehen?

Schönenborn: Wir gucken noch einmal die erste Staffel von The Crown, Großbritannien ist ja gerade sehr aktuell. Und ich suche mir die letzten Staffeln von Suits zusammen (US-Anwaltsserie, in der Meghan Markle bis 2018 mitspielte, Anm. d. Red.), einfach zum Abschalten.

ZEIT ONLINE: Die ARD will ihr Seriengeschäft verstärken und gibt im laufenden Jahr 20 Millionen Euro für neue Produktionen aus. Ein bisschen spät, oder?

Jörg Schönenborn, 55, ist Wahlmoderator der ARD und Programmdirektor (Information, Fiktion und Unterhaltung) des WDR. © WDR/​Herby Sachs

Schönenborn: In der ARD hat sich etwas ganz Entscheidendes geändert. 70 Jahre lang bestand unsere Aufgabe darin, eine Struktur für das erste Fernsehprogramm herzustellen. Schon vor einiger Zeit haben wir gesagt: Das geht so nicht mehr, wir müssen künftig gleichzeitig unseren Fokus intensiver auf unsere Mediathek richten, müssen sie neu programmieren. Wir haben zum Beispiel letztes Jahr 300.000 Videos hochgeladen – müssen diese Fülle aber endlich auch sortierter ans Publikum bringen. Die verstärkte strategische wie programmliche Konzentrierung auch auf die Mediathek sowie auf andere Plattformen ist fast eine 180-Grad-Wende. Und dafür ist es nie zu spät!

ZEIT ONLINE: Herr Beckmann, woran merkt man zum Beispiel, dass die Mediathek im ARD-Ganzen wichtiger geworden ist?

Frank Beckmann: Wir haben große Zeitsouveränität gewonnen. Sie finden etwa den Donnerstagsfilm schon montags in der Mediathek zum Abruf. Nach der Ausstrahlung von Sturm der Liebe ist schon die nächste Folge online. Wir lösen uns inzwischen generell deutlich von der Linearität. Da hat die ARD nach meinem Eindruck große Schritte gemacht.

ZEIT ONLINE: Das ZDF macht das schon seit Längerem. Die zweite Staffel von Bad Banks etwa war schon mehr als eine Woche vor der linearen Ausstrahlung online.

Beckmann: Die ARD stellt nicht einzelne Serien, sondern jeden Tag Serien und Filme vorab in die Mediathek. Es gibt eine Reihe von Dingen, an denen die Kolleginnen und Kollegen zudem mit Hochdruck arbeiten.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Beckmann: Wenn ich beim Streamen abbreche, muss ich später den Einstieg sofort wiederfinden, egal auf welchem Gerät ich den Inhalt abrufe. Die Suchfunktion muss zudem verbessert werden und wir brauchen gute personalisierte Empfehlungen. All das ist auf dem Weg.

Frank Beckmann, 54, ist Programmdirektor des NDR und ARD-Vorabendkoordinator.

ZEIT ONLINE: Lange Zeit hatten Sie ja das rechtliche Problem, dass Sie Filme oder Serien nur sieben Tage lang in der Mediathek zeigen durften. Diese Regelung ist nun aufgeweicht worden. Merken Sie das positiv im Nutzungsverhalten?

Schönenborn: Die Veränderungen sind spürbar. Wir stellen ja gerade einen internen Rekord nach dem anderen auf mit der Mediathek. Wendezeit aus dem letzten Oktober war mit 650.000 Wiedergaben bisher der meistabgerufene "klassische" Mittwochsfilm ever. Und jeder neue Münster-Tatort hat wieder mehr Abrufe als der vorangegangene.

ZEIT ONLINE: Wer von den ARD-Zuschauern nutzt die Mediathek überhaupt?

Schönenborn: Das Publikum teilt sich hier viel mehr auf als im linearen Fernsehen: Die Älteren bleiben ganz überwiegend noch beim linearen Fernsehen. Die breiteste Bewegung findet in der Gruppe der 30- bis 55-Jährigen statt. Die sehen signifikant weniger fern und gehen dafür verstärkt auf die Plattformen. Das ist für uns eine ganz wichtige Zielgruppe, weil sie riesig ist und weil wir zu ihr gleichzeitig noch alte Kontakte aus dem Linearen haben.  

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Jungen?

Schönenborn: Die unter 30-Jährigen sind eine sehr heterogene Gruppe. Je jünger sie sind, desto unterschiedlicher ist ihr Alltag. Ausbildung, Studium, Einstieg ins Berufsleben, Familiengründung finden in sehr unterschiedlichem Alter statt. Entsprechend unterschiedlich sind die Gewohnheiten und Interessen. Im Linearen treffen sie sich noch beim Sport oder beim Tatort, auf den Plattformen aber suchen sie sehr unterschiedliche Inhalte. Ich habe mich in letzter Zeit verstärkt mit Mediathek-Nutzungsdaten beschäftigt, das ist mit Bezug auf die Altersgruppe unter 30 ein kleinteiligeres Arbeiten mit sehr unterschiedlichen Zielgruppen.

ZEIT ONLINE: Umfragen zeigen, dass die Millennials etwa doppelt so häufig Netflix wie öffentlich-rechtliche Mediatheken nutzen. Diesem Problem müssen Sie sich stellen.

Schönenborn: Ja, absolut. Man muss sich die Zahlen mal vor Augen führen: 2019 haben die 14- bis 29-Jährigen zum ersten Mal etwas mehr Zeit auf Streamingplattformen verbracht als mit linearem Fernsehen.

Beckmann: Auch das zeigt uns, dass es allerhöchste Eisenbahn ist. Mit funk (dem gemeinsamen Jugendprogramm von ARD und ZDF, Anm. d. Red) haben wir ja schon vor mehr als drei Jahren begonnen, dorthin zu gehen, wo sich die Jugendlichen aufhalten, und deren Themen anzusprechen. Die Serie Wishlist von Radio Bremen – nur ein Beispiel – hat gleich mehrere Preise bekommen.

ZEIT ONLINE:  Warum machen Sie so etwas nicht im Hauptprogramm?

Beckmann: Für das Lineare gelten andere Gesetze als für Streamingangebote. Fast alles, was bei Netflix und bei Amazon erfolgreich ist, geht im linearen Programm eher unter.

Schönenborn: Die großen Abrufzahlen finden wir in der Mediathek bei dem, was im klassischen Fernsehen auch erfolgreich ist.  

ZEIT ONLINE: Und was ist das?

Schönenborn: Die beiden erfolgreichsten Serien bei uns waren die erste Folge von Charité und die ersten beiden Episoden der ersten Staffel Babylon Berlin.