Der Mann ist nackt. Er liegt zusammengekrümmt auf einem großen Findling im Fluss. Wie ein Opfertier auf Gottes Altar. Wild rauscht der Bergbach. Der Mann zittert. Sein absolutes Gehör lässt ihn alles überdeutlich wahrnehmen. Die Geräusche der Natur, den Herzschlag ungeborener Kinder, das Pulsieren des Universums. Die Kamera scheint direkt in den Himmel zu sausen. Ein visueller Trip übersteigerter Wahrnehmung.

Die Szene aus dem Film Schlafes Bruder, die André Eisermann als Elias zeigt, ein im Bergdorf Befremden erregendes und verkanntes Genie, gehört zu den unvergesslichen Kinobildern der Neunzigerjahre. Geschaffen hat sie der Regisseur und Kameramann Joseph Vilsmaier. Komm, oh Tod, du Schlafes Bruder – diesem Bach-Choral hatte Robert Schneider den Titel seines Romans entlehnt, der zum Bestseller wurde und den Vilsmaier 1995 verfilmte.

Für seine Bestseller-Verfilmung "Schlafes Bruder" (1995, mit André Eisermann, links, und Ben Becker) erhielt Vilsmaier den Deutschen Filmpreis und eine Golden-Globe-Nominierung. © dpa/​dpa

Das pittoresk-esoterische Melodram über Liebesleid, Bergbauernschroffheit und Künstlertum erregte international Aufsehen. Joseph Vilsmaier wurde dafür für den Golden Globe nominiert und mit nationalen Filmpreisen überhäuft. Selbst die Kritiker sind gnädig mit ihm, was dem "Watschenmann des deutschen Kinos", wie ihn die Süddeutsche Zeitung einmal titulierte, nicht eben häufig wiederfuhr. Sie beschimpften seine Dramen, die meist historische Stoffe beackerten, regelmäßig als zu sentimental, schablonenhaft, klischeebeladen, plakativ. Was ihrem kommerziellen Erfolg keinen Abbruch tat.

Nur bei Vilsmaiers eindrucksvollem Debüt Herbstmilch waren Publikum und Presse noch stärker als bei Schlafes Bruder angetan. Tatsächlich bleibt sein erster Kinofilm sein bester, trotz der 15, die darauf folgten. Die in Mundart und fast dokumentarischem Stil gedrehte Verfilmung der Lebenserinnerungen der Bäuerin Anna Wimschneider überzeugte mit ihrer realistischen Darstellung des harten Arbeits- und Familienlebens. 2,3 Millionen Menschen sahen das Von-null-auf-hundert-Debüt eines Newcomers im reichlich fortgeschrittenen Alter.

Joseph Vilsmaier ist fast fünfzig, als er 1988 den Sprung ins Regiefach wagt. Zuvor war er Techniker, hatte sich bei der Bavaria Film vom Materialassistenten zum Kameramann hochgearbeitet und in vielen Film- und Fernsehproduktionen die Kamera geführt. Herbstmilch realisiert der Selbermacher, der später auch eine eigene Produktionsfirma gründete, mit privat geliehenem Geld. "Egal, ob ich untergehen würde, diesen Film musste ich einfach machen", sagte er später.

Niederbayern, das war vertrautes Terrain für Vilsmaier, der am 24. Januar 1939 in München geboren wurde und während des Kriegs in Niederbayern aufwuchs. "Ich wusste einfach, wie die Leute ticken." Seine weder diffamierende noch idealisierende Darstellung macht Herbstmilch zu einem frühen Neo-Heimatfilm, der endlich einmal das Bäuerinnenleben schildert.

In "Der letzte Zug" verfilmte Vilsmaier gemeinsam mit seiner Frau Dana Vávrová und den Schauspielern Roman Roth und Sibel Kekilli 2006 den unmenschlichen Transport Berliner Juden im Jahr 1943 nach Auschwitz. © dpa /​ Concorde/​dpa

Krieg, Nachkriegszeit und die bayerische Heimat – das bleiben Joseph Vilsmaiers Anliegen. 1997 verfilmt er die durch den Nationalsozialismus beendete Geschichte der Musikgruppe Comedian Harmonists. Sein Biopic Marlene kommt im Jahr 2000 bei der US-Kritik deutlich besser an als bei der deutschen. Stalingrad, Leo und Claire, Der letzte Zug, der TV-Zweiteiler Die Gustloff – immer wieder thematisierte Vilsmaier die Schrecken des Krieges und der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Allesamt Filme, die nicht durch ihre subtile, differenzierte Darstellung, sondern durch ihre Emotionalität wirken, zu der sich Vilsmaier stets bekannt hat.

Familie und Film gehörten gleichermaßen seine Leidenschaft. Seine Frau, die tschechische Schauspielerin Dana Vávrová, die auch in Herbstmilch die Hauptrolle spielte, hat gemeinsam mit ihm Regie geführt und weitere Hauptrollen übernommen. Auch die drei Töchter wurden Schauspielerinnen und traten für den Vater auf.

Wie sich das für einen auch mal saftig grantelnden Bajuwaren gehört, endete Vilsmaiers Laufbahn, wie sie begonnen hatte: mit einem Heimatfilm. Daran hat der am Dienstag im Alter von 81 Jahren gestorbene Regisseur bis zuletzt gearbeitet. Der Boandlkramer und die ewige Liebe kommt am 5. November ins Kino. Hape Kerkeling und Michael "Bully" Herbig spielen mit. Herbig hat bei ihm 2008 schon in Die Geschichte vom Brandner Kaspar den Boandlkramer gespielt. Schlafes Bruder also – den Tod.