Der ewige Kämpfer – Seite 1

Kirk Douglas, der muskulöse Blonde mit dem Kinngrübchen, stellte in rund neunzig Abenteuerfilmen, Thrillern und Western den Inbegriff des tough guy dar. Am Ende milde und weltweise, war Douglas eine der langlebigsten Ikonen Hollywoods, ein zupackender Körperdarsteller, dessen berühmtesten Leinwandcharaktere mit einem explosiv zynischen Temperament zu kämpfen hatten, ohne je an Vielschichtigkeit zu verlieren. Nun ist er im Alter von 103 Jahren verstorben.

Zorn, schrieb Kirk Douglas in einer Autobiografie, sei das beherrschende Gefühl seiner Kindheit gewesen. Zornig waren auch die widersprüchlichen Typen, die er verkörperte, egal ob er als kaltschnäuziger Reporter des Satans in Billy Wilders gleichnamigem Film einen verunglückten Mann opferte, um selbst wieder ins Geschäft mit Sensationsnachrichten zu kommen, oder ob er als guter Moralist in Stanley Kubricks Antikriegsfilm Wege zum Ruhm die Soldatenschinderei eines vorgesetzten Generals vor Gericht entlarvte. 

Der Ruhm eines Filmstars war für Kirk Douglas nicht abzusehen. Das Kino spielte in seiner Jugend kaum eine Rolle. 1916 als Issur Danielovitch Demsky in der kleinen Industriestadt Amsterdam im Staat New York geboren, musste der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer früh zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Vater Herschel war ein Lumpensammler, der sich seinen Kindern entzog und aus Enttäuschung über sein Leben in der neuen Welt zum Trinker wurde. Die gläubige Mutter Bryna zog sechs Töchter und ihren einzigen Sohn unter großen Entbehrungen auf, doch umgeben von den vielen Frauen seiner Familie vermisste der Junge den Vater. Die Frage, wie sich ein "richtiger" Mann verhalte, wurde ein Leitmotiv in Kirk Douglas’ Filmen.

Mit Fäusten durchgeschlagen

Die analphabetischen Eltern sahen in einer guten Schulbildung die einzige Chance für ihre Kinder. Doch die Demskys hatten es angesichts des weit verbreiteten Antisemitismus schwer. Den Zugang zur Schule und zur Synagoge musste sich Issur bei den Straßengangs oft genug mit Fäusten erkämpfen. Ein Universitätsstipendium verdiente er sich durch Siege in der Ringerstaffel seines Colleges, das Schauspielstudium in New York durch Kellner- und Hausmeisterjobs. Als die Lehrer das Talent des Außenseiters auseinanderzunehmen versuchten, legte er sich ein trotziges Credo zurecht: "Ein Schauspieler ist jemand, der mit Zurückweisung leben kann." 

Im zweiten Weltkrieg diente Kirk Douglas bei der Navy, bis er am Ende, kuriert von jeglichem Militarismus, endlich an den Beruf denken konnte. Seine kantige Ausstrahlung machte ihn für die Regisseure des Film Noir interessant. Der Debütant wechselte 1946 nach Hollywood, nachdem seine Kommilitonin Lauren Bacall ihn einem Produzenten empfohlen hatte. Mit abgebrühter Härte machte Douglas schnell auf sich aufmerksam. 

In The strange love of Martha Ivers – Die seltsame Liebe der Martha Ivers spielte er den hintergangenen Gatten von Barbara Stanwyck, einen desillusionierten Alkoholiker, der allem ein Ende setzt. In Out of the past– Goldenes Gift setzte er als Gangsterboss und betrogener Betrüger den stoischen Robert Mitchum unter Druck. Champion – Zwischen Frauen und Seilen, die Geschichte eines rücksichtslosen Aufsteigers im Boxer-Milieu, trug ihm 1949 die erste Oscarnominierung ein. Es folgten zwei weitere.

Kirk Douglas' große Zeit brach an. In William Wylers Detective Story – Polizeirevier 21 spielte er einen hartgesottenen Polizisten, dessen schwarz-weiße Weltsicht zerbrach, in Vincente Minellis The Bad and the Beautiful – Die große Illusion einen skrupellosen Filmtycoon.

Produzieren bedeutet Mitreden

Er wurde ein Western-Star, brillierte in aufwändigen Monumentalfilmen und gewann als Produzent Mitspracherechte wie kaum ein Hollywoodschauspieler zuvor. In Howard Hawks' The Big Sky – Der weite Himmel spielte Douglas einen Trapper, der mit seinem Freund um die Liebe einer Indigenen rivalisierte, und auch der von ihm produzierte Western The Indian Fighter ließ sich auf das Tabuthema grenzüberschreitende Beziehung ein. Gunfight at the O. K. Corral – Zwei rechnen ab, einer von sieben gemeinsamen Filmen mit Burt Lancaster, zog Parallelen zum Showgeschäft. Das mythische Duell zwischen Doc Holliday und Wyatt Earp erschien am Ende als abgekartetes Wettgeschäft, als Abgesang auf eine Welt, in der für die Freundschaft harter Männer kein Platz mehr war. 

Kirk Douglas verkörperte Odysseus, den Wikingerfürst Einar, Van Gogh und Ned Land, den widerspenstigen Seemann in der spektakulären Walt-Disney-Produktion 20.000 Meilen unter dem Meer. In dem Episodenfilm The Story of Three Loves – War es die große Liebe? ging er als Trapezkünstler, der sich in die junge, suizidgefährdete Nina, gespielt von Pier Angeli verliebte, in die Luft. 

Tragischer Held in "Spartacus"

Unsterblich machte ihn 1960 das Breitwandepos Spartacus, das die tragische Geschichte eines Sklavenaufstands gegen das Römische Reich erzählte. Von Stanley Kubrick als wuchtiges Revolutionsdrama in Szene gesetzt, verkörperte Douglas die Hauptrolle als Inbegriff eines wackeren Kämpfers gegen das Unrecht. Spartacus war nach Paths of Glory – Wege zum Ruhm bereits der zweite Kubrick-Film, den Kirk Douglas produzierte. 

Seine Idee, die Gagen in Filme zu reinvestieren, war ungewöhnlich, doch durch eigene Produktionsanteile gelang es Douglas, die Macht der Studios infrage zu stellen. So arbeitete er mit dem Drehbuchautor und Regisseur Dalton Trumbo zusammen, der während der McCarthy-Ära als angeblicher Kommunistenfreund stigmatisiert wurde und Drehbücher nur unter Pseudonym schreiben konnte. Douglas setzte der Praxis der schwarzen Listen faktisch ein Ende. 

Allein für Gerechtigkeit

1961 entstand der Spät-Western Lonely Are the Brave– Einsam sind die Tapferen nach einem Script von Trumbo. Douglas versuchte darin als alternder Cowboy, einen Freund aus dem Gefängnis zu befreien, der Mexikanern den Grenzübertritt in die USA ermöglicht hatte. Der Freund will die Strafe absitzen, der Cowboy flieht allein, wehrt eine Hubschrauber-Attacke ab und kämpft gegen den Stacheldraht, kommt am Ende jedoch durch einen Fernlaster, Symbol der neuen Zeit, um.

Mitte der Sechzigerjahre kehrte Kirk Douglas an den Broadway zurück, um in der Bühnenfassung von Einer flog übers Kuckucksnest den wilden Randall McMurphy zu spielen. Douglas kaufte die Filmrechte, überließ sie seinem Sohn Michael Douglas und machte auf diese Weise 1975 den Weg für dessen Produktion des Films von Milos Forman frei, in dem Jack Nicholson den Rebellen gegen die Zwangsordnung einer psychiatrischen Anstalt spielte. 

Michael, Joel, Peter und Eric, die vier Söhne von Kirk Douglas, folgten dem Vater als Schauspieler und Produzenten ins Filmgeschäft, wenn auch nur Michael Douglas aus seinem Schatten heraustreten konnte. Michael und Joel aus Kirk Douglas’ erster Ehe mit Diana Dill wuchsen nach der Trennung der Eltern 1951 bei ihrer Mutter in New York auf. 1953 heiratete Douglas die in Hannover geborene Anne Buyden, die er als Protokolldame des Filmfestivals von Cannes kennen gelernt hatte. Das Paar galt als unzertrennlich und erneuerte zum fünfzigsten Hochzeitstag 2003 noch einmal in einer jüdischen Zeremonie sein Gelöbnis. 

Kirk Douglas und seine Frau gründeten in den Achtzigerjahren eine Stiftung, die Obdachlose und bedürftige Kinder in Kalifornien unterstützt. Douglas engagierte sich entschieden für Israel und dessen Annäherung an Ägypten unter Präsident Anwar al-Sadat. Er unternahm als "Botschafter des guten Willens" im Namen der US-Regierung zahlreiche Reisen.  

Memoiren wie Drehbücher

Im Alter entdeckte Kirk Douglas das Schreiben. Seine Erinnerungen an den Aufstieg des einsamen jüdischen Jungen Issur, The Ragman's son – Weg zum Ruhm, und die Notizen seiner Wiederentdeckung der jüdischen Spiritualität, Climbing the Mountain, wurden in den USA Bestseller. Daneben entstanden drehbuchähnliche Unterhaltungsromane, in denen er seine Alterserlebnisse verarbeitete. So schilderte er in Der letzte Tango in Brooklyn einen Hubschrauberunfall, den er 1991 mit schweren Verletzungen überlebte, während zwei Piloten starben. 

Hollywood - Kirk Douglas starb im Alter von 103 Jahren Der Schauspieler hinterlasse "ein Erbe, das Generationen überdauern werde", so Sohn Michael Douglas. Die Hollywood-Ikone hat in mehr als 90 Filmen mitgespielt. © Foto: GettyImages

1995 traf ihn ein Schlaganfall, dessen Folgen der Schauspieler mit äußerster Disziplin bekämpfte. Die Verleihung des Ehren-Oscars 1996 – des einzigen Oscars, den er in seiner Karriere erhielt – wurde zu einem Triumph, denn Douglas hatte sich seine Sprechfähigkeit fast vollständig zurückerobert. Elegant wie stets und zu Scherzen aufgelegt betrat er noch hin und wieder die Bühne. Eines der letzten Male 2016, als er den Teddy-Kollek-Preis des Jüdischen Weltkongresses entgegen nahm für sein Engagement für die jüdische Kultur. A Mittwoch ist Kirk Douglas im Alter von 103 Jahren gestorben. Für seinen Grabstein soll sich der Schauspieler den Spruch gewählt haben: "Verdammt noch mal, ich habe es wirklich versucht."