Lesen Sie hier die Oscarnacht im Liveblog nach. Hier eine Übersicht der Preisträger und -trägerinnen in den wichtigsten Kategorien.

Es ist, man darf das in diesem Fall so pathetisch wie auf der Oscarbühne sagen, eine Sensation. Die Academy hat zum ersten Mal in ihrer 92-jährigen Geschichte einen nicht englischsprachigen Film zum besten Werk erklärt. Nicht nur das, sie hat die bitterböse, kapitalismuskritische Satire Parasite des Südkoreaners Bong Joon Ho zum Besten Film erklärt. Eine Geschichte über tief verwurzelten Klassismus in einer scheinbar fortschrittlichen Gesellschaft, am Beispiel einer armen Familie, die sich sukzessive ins Leben einer reichen Familie einnistet – wie der titelgebende Parasit.

"Ich habe eigentlich gedacht, ich wäre durch für heute und könnte mich jetzt entspannen", sagt der Regisseur Bong Joon Ho lachend, als er zum dritten Mal auf die Bühne geholt wurde. Da hatte der 50-Jährige schon den Preis für das Beste Originaldrehbuch und für den Besten Internationalen Film bekommen. Und eigentlich dachte auch das Publikum: Das war's. Denn dass ein Film den Auslandsoscar, wie er bisher genannt wurde, und den Hauptpreis gewinnt, galt als undenkbar. Im vergangenen Jahr war der von der Kritik hochgelobte Film Roma zwar ebenfalls als Bester nicht englischsprachiger Film ausgezeichnet worden und Alfonso Cuarón für die Beste Regie, in der wichtigsten Kategorie musste er jedoch dem wesentlich eingängigeren Antirassismusdrama Green Book weichen. Und jetzt bekommt der Südkoreaner Bong die vier wichtigsten Preise, die er an diesem Abend überhaupt gewinnen kann: Bestes Originaldrehbuch, Bester Internationaler Film, Beste Regie und Bester Film. Damit hat niemand gerechnet.

Offenbar hat ein Umdenken stattgefunden unter den 9.000 Mitgliedern der Academy, die im vergangenen Jahr um 842 Personen aus 59 Ländern erweitert wurde. 50 Prozent dieser neuen Mitglieder sind nun Frauen, knapp ein Drittel People of Color. Diese Öffnung scheint einen versierteren Blick ermöglicht zu haben, weg von den klassischen amerikanischen Lieblingsthemen wie Kriegs- oder Historienfilmen, der erfolgreichen Bekämpfung von Rassismus oder sozialen Missständen (Moonlight, 12 Years A Slave, Spotlight, Green Book) oder der selbstironischen Bespiegelung der Branche (Bird Man, La La Land, The Artist, Chicago).

Nach der alten Logik hätte 1917 von Sam Mendes der große Oscargewinner sein müssen. Fast alle US-Filmexperten und viele Buchmacher hatten darauf gesetzt, dass die Geschichte über den Ersten Weltkrieg aus Sicht zweier britischer Soldaten zum Besten Film gekürt werden würde. 1917 hat nämlich alles, was die Academy liebt: Er ist ein Kriegsfilm, inspiriert von den Geschichten, die Sam Mendes' Großvater seinem damals zwölfjährigen Enkel erzählte. Gelobt wurde der Film allerdings vor allem wegen seiner visuellen Effekte, weil es so wirkt, als sei er in einer Einstellung gedreht. Die Kamera ist den beiden jungen Soldaten ständig auf den Fersen durch die Enge der Schützengräben oder lässt sie auf sich zurennen über die Schlachtfelder, diese gigantischen Leichenberge, die dieser Krieg verursacht hat. Dafür erhielt der britische Kameramann Roger Deakins zu Recht seinen zweiten Oscar, außerdem wurde 1917 mit dem Preis für die Besten Visuellen Effekte ausgezeichnet. So ambitioniert der Film in seiner Gestaltung ist, so eindimensional ist seine Geschichte. Denn es geht letztlich um das klassische Kriegsfilmthema: Aufopferung, Kameradschaft, für das Wohl der vielen das eigene Wohl zurückzustellen. Es geht um den guten Soldaten. Als Botschaft für einen Antikriegsfilm war das wohl auch den Mitgliedern der Academy ein wenig zu dünn.

Überhaupt war die Veranstaltung in diesem Jahr von einigen deutlichen politischen Äußerungen geprägt. Schon Brad Pitt begann seine Rede mit einer Anspielung auf das Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump: "Sie haben mir gesagt, dass ich nur 45 Sekunden hier oben habe, das sind 45 Sekunden mehr, als der Senat John Bolton diese Woche gegeben hat."  

Am deutlichsten wurde Joaquin Phoenix, der absolut verdient als Bester Hauptdarsteller in Todd Phillips' Joker ausgezeichnet wurde. Schon für mehrere seiner Hauptrollen (Walk The Line, The Master, Her) hätte er einen Oscar bekommen müssen, sein trauriger Joker hat ihn nun zur höchsten Auszeichnung seiner Kunst geführt. Seinem geschundenen Antihelden Arthur Fleck hat er eine neue Grimasse geschaffen: das Lachen, das in Wahrheit ein Weinen ist. Wie Phoenix zwischen eingebildetem und realem Wahnsinn durch diesen Film torkelt, ist atemberaubend. Sichtlich nervös und immer wieder stockend appellierte der 45-Jährige in seiner Dankesrede an seine Kolleginnen und Kollegen im Dolby Theatre, "unsere Stimme für die einzusetzen, die keine Stimme haben", sagte Phoenix. Die Menschen seien egozentrisch und beuteten die Natur aus, erklärte der Schauspieler, der seit seiner Kindheit vegan lebt. "Wir glauben, dass wir das Recht haben, eine Kuh künstlich zu befruchten und ihr Baby zu stehlen. Dann nehmen wir die Milch, die für ihr Kalb bestimmt gewesen wäre und schütten sie in unseren Kaffee und unser Müsli." Die Menschen sollten sich nicht vor Veränderungen fürchten, sondern der Natur zuliebe ihr Verhalten ändern. Am Ende zitierte Phoenix ein Gedicht seines früh verstorbenen Bruders River: "Run to rescue with love and peace will follow" – "Laufe der Erlösung mit Liebe entgegen und Friede wird folgen".