Kaum einer ahnt auch nur, wie kompliziert das Leben werden kann, wenn man wahnsinnig gut aussieht. Scarlett Johansson weiß es. In ihrer Rolle als Rosie in dem Film Jojo Rabbit, für die sie jetzt für einen Oscar als Beste Nebendarstellerin nominiert ist, sagt ihre Figur es sogar selbst: "Nicht jeder hat das Glück, dumm auszusehen. Ich zum Beispiel bin damit gestraft, unglaublich attraktiv zu sein." Und damit auch jeder kapiert, worin das Problem besteht, rammt sie kurz darauf dem schmachtenden Mann neben sich gleich mal kräftig ihr Knie in den Unterleib.

Das sollte genügen, um eine Annäherung an Johansson nicht etwa mit der zu Tode erzählten Anfangssequenz aus Lost in Translation beginnen zu lassen. Vielleicht noch nicht einmal mit dem aktuellen Anlass: dass sie nun – als erst zwölfte Schauspielerin überhaupt in der langen Geschichte der Oscars – gleichzeitig sowohl für eine Nebenrolle (die in Jojo Rabbit) als auch für eine Hauptrolle (im Ehedrama Marriage Story) nominiert ist. Bevor man sich diesen beiden Rollen widmet, sollte man so eine Würdigung beispielsweise besser mit ihrem Tony-Award beginnen, also mit jener Auszeichnung, die sie als Beste Nebendarstellerin in einem Broadway-Stück erhalten hat, dem – ja nun – Oscar der amerikanischen Theaterszene. Damit ganz klar ist, worum es hier geht: um ihr großes Schauspieltalent, ihr Können.

In dem Arthur-Miller-Stück Blick von der Brücke, für das Johansson 2010 ihren Tony erhielt, spielte sie eine junge Frau, die in aller Unschuld ihr Ding macht, in der Liebe wie beruflich. Die New York Times urteilte damals, dass sie diese Rolle "exquisit" ausfülle, sodass sich Millers Hafenarbeiter-Ballade für den Zuschauer tatsächlich so anfühle, als würde er bei Nachbars durchs Fenster schauen. In ihrer Dankesrede sagte Johansson damals, dass sie sich schon als kleines Mädchen immer gewünscht hatte, einmal am Broadway zu spielen – auf einer Theaterbühne wohlgemerkt, nicht etwa in Hollywood beim Film. Dass das nicht nur Dankesgerede war, mag belegen, dass Johansson ihre Schauspielkarriere 1992 in New York in einem Theater-Stück begann (Sophistry, in dem sie übrigens neben Ethan Hawke auftrat). Damals war sie gerade mal neun Jahre alt, hatte zwar nur etwa eine Zeile Text, aber besuchte schon die renommierte Lee-Strasberg-Schauspielschule, wo sie als jüngste Schülerin aufgenommen worden sein soll. Scarlett Johansson, das kann hier ruhig festgehalten werden, hat ihr Handwerk von ganz klein auf sehr gründlich gelernt.

Freundin am Ende einer langen Nacht

Es folgten in ehrgeiziger Anzahl Filmprojekte (bis heute – Johansson ist 35 Jahre alt – sind es etwa 70) und bald schon waren sich die Kritiker einig: großartig, dieses verhaltene Spiel. Vor allem aber: diese Stimme. Zu dunkel und schon immer viel zu rau für ihr Alter, bewahrte diese Stimme Johansson zunächst davor, als niedliches Mädchen in kitschigen Werbespots gebucht zu werden, später wurde sie so etwas wie Johanssons Markenzeichen. Mit ihr schaffte sie es 2013, in Spike Jonzes Film Her ohne jede physische Präsenz, allein als Stimme eines smarten Computerbetriebssystems Joaquin Phoenix zu betören – und vermutlich sehr viele Zuschauer und Zuschauerinnen gleich mit. Sie klingt wie eine allerbeste Freundin am Ende einer langen, denkwürdigen Nacht, tief in den Sessel gerutscht, letzte Weis- und Albernheiten austauschend.

Natürlich funktioniert Johanssons Verführungskraft auch andersherum: mit sehr wenigen Worten über fast reine Körperlichkeit. So lockt sie als radikal mysteriöser Alien-Vamp in dem britischen Scifi-Thriller Under the Skin die Männer gleich reihenweise ins lackschwarze Verderben. Reizvoll ist daran, dass Johansson ihren Körper lediglich wie eine menschliche Hülle umherträgt, etwas steif, fast mechanisch. Sicher, sie mimt ja eine Außerirdische, aber dadurch erzählt sie auch etwas über die Fremdheit im eigenen Körper. Der Film bekam nach seiner Weltpremiere auf dem Filmfestival in Venedig 2013 in Deutschland keinen Kinostart. Zu schwer vermarktbar schien er dem Verleih. Doch die ungewöhnliche Geschichte, ihre eigenwillige Inszenierung durch Jonathan Glazer und der Auftritt Johanssons führten zu einer einmaligen Initiative: Mehrere deutsche Kinobetreiber schlossen sich zusammen, weil sie befanden, so was müsse man wirklich im Kino sehen, und brachten Under the Skin ein Jahr nach der Premiere doch noch zur Aufführung auf großen Leinwänden.

Johansson wurde mit Marilyn Monroe verglichen wegen ihrer Sexiness, mit Lauren Bacall wegen ihrer Coolness. Sie gilt als ultratalentiert und intelligent. Zweimal hat ihr das amerikanische Männermagazin Esquire das Label "Sexiest woman alive" verpasst, zweimal war sie laut dem Magazin Forbes auch die umsatzstärkste Schauspielerin. Alles scheint ihr zu gelingen. Selbst singen kann sie. Als sie 2007 das Album Anywhere I Lay My Head aufnahm, wurde dies zwar kein finanzieller Hit, aber selbst von Kritikern gelobt, die sonst bei musizierenden Hollywoodstars lieber weghören.