Guten Tag, Herr Polizist – Seite 1

Man muss schon genau hinhören, denn der Tatort: Die Goldene Zeit (NDR-Redaktion: Donald Kraemer) aus Greater Hamburg tritt von Beginn an ziemlich aufs Gaspedal. Die Dialoge (Drehbuch: Georg Lippert) haben Tempo, und der Witz, der in ihnen steckt, teilt sich mit, weil sie mit einer eigenen, adäquaten Haltung aufgesagt werden (Regie: Mia Spengler). Der Tatort kocht die Eier hart, und das kriegt er mit seinem Ermittlungstrio ganz gut hin.

Wie Grosz (Franziska Weisz) und Falke (Wotan Wilke Möhring) etwa gleich zu Beginn am Schauplatz des Aufklärung verlangenden Mordes von Einmal-LKA-Mann Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins) empfangen und mit Informationen versorgt werden – das könnte auch bemüht wirken, wenn nicht zügig und relativ unbeeindruckt gesprochen würde. Aber so kommen Tonfall und Geschwindigkeit dem Schnacken entgegen, auf das Möhring sich versteht, und der Kühle, die Weisz verströmen kann.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Und wenn später im Revier Aikins mit einem Laserpointer auf das Foto eines Mannes deutet, über den gerade referiert wird, dann ist das ein hübsches Ornament: Wird für die "Handlung" nicht gebraucht, aber unterbricht den Fluss der Informationsweitergabe, weil es beiläufig einen Akzent an der Okonjo-Figur setzt, die Falke irritiert anguckt. Dass sich Kollegen, die zum ersten Mal zusammenarbeiten, erst aneinander gewöhnen müssen, weiß jeder.

Kooperiert werden muss, weil die Leiche im Rotlichtmilieu herumliegt. Der Sohn eines "Kiez-Barons", wie es in der Folge heißt, ist tot. Der Senior, eine weiße deutsche Zuhälter-Größe, lebt im Krankenhaus und wird von Christian Redl gespielt. Ihr Siechtum ist Metapher und Anlass für den Titel der Folge, Die Goldene Zeit, bei der schon die Inhaltsangabe im Pressetext nicht ganz sicher ist, ob es sie je gegeben hat und wenn ja, wann. Dass der "Kiez" nicht mehr ist, was er vielleicht auch nie war, weht als medial artikulierte Wehmut schon eine ganze Weile über die Reeperbahn.

Der Schmutz der Straße

Für radikale Entmystifizierung steht dieser Tatort also schon mal nicht auf. Er reckt und streckt sich nach dem Pink der Bordelle, dem Schmutz der Bürgersteige und der Enge der Originalschauplätze, was gekonnt abgebildet wird durch eine Kamera (Moritz Schultheß), die den Weitwinkel stilbildend einsetzt.

Was auch dazu passt, dass der Mörder, dem bei der Tat zugeschaut wird, ein translozierter Bursche namens Matei (Bogdan Iancu) ist, der offensichtlich ein Drogenproblem hat. Die Wahrnehmung des jungen Bukaresters ist so verzerrt wie das Bild.

Aus dem Umstand, dass die Zuschauerin den Täter kennt, zieht der Tatort eher so mittel Kapital. Neben der Polizei sucht der alte Sicherheitschef vom "Kiez-Baron" nach dem Jungen. Er wird Eisen-Lübke (Michael Thomas) gerufen und ist der Lehrmeister von Falke. Der, wie hier mitgeteilt wird, als Türsteher angefangen hat.

Dolles Geballer auf der Terrasse

Über diese persönliche Verwicklung verliert Die Goldene Zeit an Elan. Wenn die Ermittler anfangs souverän und informiert daherkommen, dann wirkt Falkes Umgang mit der eigenen Befangenheit spätestens beim zweiten Kontakt mit Eisen-Lübke schlicht. Der Kommissar weiß dann nämlich schon, dass der alte Hase ihm beim ersten Treffen nicht die Wahrheit gesagt hat (dass er Matei schon aufgespürt hatte), sondern vielmehr heraushören wollte aus dem Alte-Zeiten-Geplänkel, dass der Junge verdächtigt wird. Kann Falke danach die misstrauische Grosz in Sachen Eisen-Lübke noch plausibel beruhigen ("Der hält uns nur auf"), müsste er beim zweiten Treffen zumal in der Wohnung von Lübke doch selbst skeptischer sein: Ein Kommissar, der ahnen müsste, dass die von ihm verhörte Figur nicht die Wahrheit sagt, was das Publikum weiß – damit ließe sich einiges an Aufregung erzeugen.

Noch stärker dämpft die Spannung allerdings das übersichtliche Verdächtigen-Tableau. Der Gang-Boss Krenar Zekaj (Slavko Popadic), der die neue, nicht mehr so Goldene Zeit auf dem Kiez in Form seines Albanerseins repräsentiert, ist mit derart starkem Strich gezeichnet, dass er sich spätestens in seiner zweiten Szene wegen zu großer Bösewichtigkeit als Täter disqualifiziert.

Eisen-Lübke legt los

Zumal beim "Kiez-Baron" noch eine Tochter (Deborah Kaufmann) herumspringt, die sich angeblich distanziert hat vom dreckigen Geld der Familie und philanthropisch-herzlos junge Künstler aus aller Welt unterstützt. In Wahrheit macht sie gemeinsame Sache mit dem Geschäftsführer vom Laufhaus des "Kiez-Barons", den Roland Bonjour eigentlich schön aasig spielt. Und über den die Rumänien-Connection läuft, die Matei nach Hamburg geschickt hat.

Dass es in Die Goldene Zeit ziemlich bald recht konventionell wird, hat vielleicht auch damit zu tun, dass der Film vor allem in Sentimentalität schwelgen will. Und dafür aus dem Krimi final in eine rührende Vater-Sohn-Schnulze regrediert: Eisen-Lübke bringt Matei nicht um, sondern will ihn zwingen, Krenar Zekaj umzulegen. Kurz vor der Tat überkommen den alten Mann dann aber die Gefühle. Er schickt Matei in dessen – wenn auch ungewisse – Zukunft und opfert sich selbst in einem dollen Geballer auf einer Terrasse.

Fragt man, wofür er das tut, müsste die Antwort wohl Nostalgie lauten. Und wer es gut meint, kann darin ein Sinnbild unserer Tage erkennen: Ein alter Mann, für den die Welt zu chaotisch geworden ist, will aufräumen, indem er Chaos anrichtet. Finden Sie den Widerspruch.