Wenigstens am Ende der Sendung lag ein Hauch von Fernsehfuturismus in der Luft. Günther Jauch übernahm den letzten Gruß aus der ersten Quarantäne-WG, sprach von einem Experiment in Sachen "Guerilla-TV" – und gab die Moderationshoheit an sich selbst ab. Eben noch hatte man ihn im Fahrradkeller des eigenen Potsdamer Anwesens bestaunen können, vertieft in eine Videokonferenz mit Thomas Gottschalk, Oliver Pocher und anderen Gästen. Nur einen Werbeblock später steckte Jauch schon wieder im Anzug und begrüßte als Fragensteller von Wer wird Millionär? ein Studiopublikum, das noch gar nicht ahnen konnte, was ihm in den nächsten Wochen blühen würde.

Zweimal Jauch in zwei Stunden an zwei verschiedenen Orten: Das geht bei RTL in diesen Tagen schon als fernsehtechnische Vorwegnahme des 22. Jahrhunderts durch – als hätte es die Zauberkugel in der Mini Playback Show nie gegeben. Spontan und ohne erkennbaren Plan ging die Quarantäne-WG am gestrigen Montag um 20.15 Uhr auf Sendung, um das Land in Corona-Zeiten an die eigenen Sofas zu fesseln. Ungewollter Nebeneffekt: Die Runde simulierte schon einmal durch, wie das Fernsehen einer postapokalyptischen Welt aussehen könnte.

Pocher war aus dem eigenen Flur zugeschaltet, bleich und fröstelnd, befreit von Geruchs- und Geschmackssinn. Der Comedian und seine Frau sind an Covid-19 erkrankt, und Jauch stellt allen Ernstes die Frage, ob die beiden denn derzeit auch Abstand hielten von ihrem fünf Monate alten Sohn. Gottschalk klinkte sich derweil offenbar aus dem Wohnzimmer seiner Junggesellenbude ein, sichtlich überfordert von Situation, Technik und fair zu verteilenden Redeanteilen. "Sollen wir Informationen geben, die wir selber gar nicht haben?", lautete sein stärkster Satz vor der ersten Werbeunterbrechung.

Jauch raunt über Tschernobyl und Fehlinformationen

Alle Beteiligten waren offenbar in der Überzeugung an die Quarantäne-WG herangegangen, dass man die Kuh mit geballter Unterhaltungskompetenz schon irgendwie vom Eis geholt kriegen würde. Stattdessen entwickelte sich ein Szenario, das Teile des Publikums bereits aus den Telefon- und Videokonferenzen ihrer ersten Arbeitswoche im Homeoffice gekannt haben dürften: heilloses Durcheinanderreden gefolgt von betretenem Schweigen, schlechte Verbindungen, noch schlechterer Ton, außerdem immer wieder tiefe Sorgenfalten in unvorteilhaft eingefrorenen Gesichtern. Und dann noch die ungeklärte Gretchenfrage des ganzen Unternehmens: Wie soll die Quarantäne-WG über Corona sprechen?

Schnell hakte die Runde ihre Appelle an Vernunft und Armbeugen der Bevölkerung ab, um sich auf einen behörden- und wissenschaftsskeptischen Ton einzuschießen. Gottschalk sinnierte darüber, wie viele Virologeninterviews ein Mensch aushalten könne und fügte später hinzu, dass die Jungs aus der Forschung inzwischen das Land regierten. Jauch fühlte sich ohne erkennbare Not an gezielte Fehlinformationen von oben erinnert, die ihm nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Gedächtnis geblieben waren. Wen er dabei mit was vergleiche wollte? Eine weitere unbeantwortete Frage aus der Quarantäne-WG.