Läuft nicht – Seite 1

Wäre dies ein Film, hätte er ein offenes Ende, denn keiner weiß, wie die Geschichte ausgehen wird. Vergangene Woche hatten die Kinos noch gehofft, mit Hygienemaßnahmen und reduzierten Ticketverkäufen durch die Corona-Zeit zu kommen. Diese Woche nun müssen sie in etlichen Bundesländern schließen. Vorerst soll die Quarantäne anhalten. Etliche Verleihe verschieben die Starttermine ihrer angekündigten Filme: entweder auf ein konkretes Datum oder gleich vage. Entertainment One, der Verleih der deutschen Großproduktion Berlin Alexanderplatz, berät zur Stunde, ob sein auf der Berlinale gefeierter Film wie geplant am 16. April anlaufen soll – oder eben wie so viele andere erst später.

Denn klar ist: Wenn keiner ins Kino geht – weil es geschlossen ist oder weil man Kontakte vermeiden will –, ist dies nicht nur für die Kinobetreiber, sondern auch für die Verleiher eine Katastrophe. Zwar spielt die sogenannte Zweitauswertung eines Films, also die Einnahmen über DVD-Verkäufe oder -Verleihe und über Downloads und Streaming, eine immer größere Rolle in der Kalkulation jeder Produktion, aber ganz ohne Kinoauswertung geht es noch keinesfalls. Noch immer bringt der Verkauf von Kinotickets etwa zwei Drittel der Einnahmen an einem Film. Wie wird also das restliche Kinojahr in Deutschland aussehen?

Weltweit am selben Tag starten – nur an welchem?

Zunächst muss man sich klarmachen, wer eigentlich darüber entscheidet, ob und wann ein Film anlaufen wird. Im Falle einer deutschen Produktion wie Berlin Alexanderplatz, Undine oder Berlin, Berlin kann darüber der deutsche Verleih entscheiden, was für die beiden Letztgenannten bereits geschehen ist: Sie werden später starten. Das gilt im Grunde auch für kleinere Produktionen oder sogenannte Arthouse-Filme. Selbst wenn sie international produziert wurden, werden für solche Filme in der Regel die Rechte vom Weltvertrieb individuell, also national verkauft. Der Rechteinhaber kann dann auch selbst entscheiden, wann der Film in seinem Land am besten anlaufen sollte. So soll das schwedische Drama Über die Unendlichkeit von Roy Andersson in Deutschland nun nicht wie geplant am 19. März, sondern erst im September starten.

Großproduktionen, vor allem amerikanische, britische und internationale Koproduktionen, haben jedoch häufig sogenannte Day-and-Dates-Termine für ihren Start. Das bedeutet, der Film wird weltweit am selben Tag starten: James Bond ist so ein Fall. Keine Zeit zu sterben war denn auch einer der allerersten Filme in der aktuellen Krise, für die der Weltverleih eine Startverschiebung ankündigte – weltweit. Um einen neuen Termin festlegen zu können, müsste man jedoch wissen, wann denn das Coronavirus als besiegt gilt und Social-Distancing-Empfehlungen oder gar Quarantänen aufgehoben werden – von China bis Brasilien. Da das derzeit kaum einer sicher sagen kann, hat sich der Verleih für einen sehr späten Start in diesem Jahr entschieden: Erst am 12. November soll der neue Bond in die Kinos kommen.

Die Bond-Crew konnte sich damit relativ geordnet vor dem Virus zurückziehen. Einen weiteren Blockbuster, A Quiet Place 2, die Fortsetzung des Horror-Überraschungserfolgs A Quiet Place aus dem vorletzten Jahr, hat es hingegen quasi mitten im Vorspann erwischt. Der weltweite Start sollte am 19. März erfolgen. Am 8. März feierte der Film in New York schon mal Premiere. Der Film ist also bereits von Kritikern und Fans gesichtet worden. Der Start wurde jetzt dennoch auf "unbestimmt" verschoben. Der Regisseur John Krasinski schrieb auf Instagram zwangsoptimistisch, er hoffe trotzdem, dass die Menschen den Film gemeinsam im Kino erleben möchten. Das eigentliche Problem benennt er nicht: dass die Zuschauerinnen und Zuschauer dann von Spoilern so erlahmt sein werden, dass sie den Film lediglich irgendwann streamen oder womöglich gar nicht mehr schauen.

Eine Verschiebung bringt neue Verschiebungen mit sich

Ein weiteres prominentes Startverschiebungsopfer ist der Actionfilm Fast & Furious 9, der gleich um ein ganzes Jahr auf 2021 verlegt wurde. Ebenfalls groß und weltweit koordiniert, aber für ein ganz anderes Publikum konzipiert, ist der Disneyfilm Mulan. Ursprünglich für den 26. März geplant, hat Disney den Start jetzt auf unbestimmt verschoben. Auch die jungen Zuschauer gehen ja derzeit nicht ins Kino und müssen sich mit Alternativen zu Hause zufriedengeben. Dass Disney just dieser Tage in Deutschland seinen eigenen neuen Streamingdienst startet, wirkt da fast schon wie Vorsehung.

Stehen dann ab Herbst (oder Winter oder Frühjahr) im Kino schlicht mehr Filme zur Auswahl? Das könnte zumindest ein grober Überschlag über beispielhafte Zahlen nahelegen: Fünf Wochen Quarantäne mal rund zehn Filmstarts pro Woche ergäbe 50 Filme, die später zusätzlich anlaufen müssten. Sofern man mit fünf Wochen hinkommt. Sofern alle Filme später anlaufen werden. Sofern nicht auch danach erst noch Filmstarts verschoben werden. "Das weiß derzeit noch niemand", sagt denn auch Julia Bartelt von der Agentur Aim-PR, die für die Verleiher Entertainment One und Beta Cinema die Pressearbeit von Berlin Alexanderplatz macht. "Wir werden einen vollen Kinoherbst erleben", mutmaßt hingegen Björn Hoffmann, Vorstandsvorsitzender der AG Verleih, dem Verband unabhängiger Filmverleiher in Deutschland. Er erläutert jedoch auch, warum das nicht nur schön ist.

"Alle Slots neu denken"

Wenn sich erste Großproduktionen verschieben, wird sich das auch auf weitere auswirken, selbst wenn deren Start gar nicht für die kommenden Wochen geplant war. Denn solche Starts von sogenannten Tentpoles, also den Blockbustern, sind übers Jahr fein aufeinander abgestimmt. Kein Marvel-Held würde gegen 007 antreten wollen. Sollten also auch noch Black Widow (bislang für den 30. April geplant) oder Wonder Woman 2 (für den 4. Juni) neu angesetzt werden, könnte das Verschieben noch monatelang Neuterminierungen zur Folge haben. Und zwischen all diesen müssen sich dann normale oder kleinere Produktionen behaupten. "Wir müssen alle Slots neu denken", sagt Hoffmann, der auch Geschäftsführer des Verleihs Pandora Film ist.

Andererseits zwingt das Virus auch Produktionen, die gerade erst im Entstehen sind, zu einer Pause. Prominentestes Beispiel ist Tom Hanks, der während seiner Arbeit an einem Film über Elvis Presley in Australien erkrankte. Die Dreharbeiten wurden sofort eingestellt. Und während der Star sich hoffentlich auskurieren kann, entsteht eine zeitliche Lücke in der Produktion. Einen ähnlichen Fall meldete nun auch das ZDF. Solche Fälle werden vielerorts auftreten und Produktionsarbeiten eingestellt werden. Denkbar wäre folglich auch, dass die Coronavirus-Krise sich zumindest in den Aushängen an den Kinos gar nicht unbedingt widerspiegeln wird. Es werden dann eben die Filme zu sehen sein, die jetzt verschoben werden, und jene Filme, die dann hätten starten sollen, laufen entsprechend später an, da sich ihr Entstehen verzögert hat.

Für manche Projekte könnte das Coronavirus jedoch auch das definitive Aus bedeuten. "Viele Produktionen sind vertraglich verpflichtet, innerhalb eines festgelegten Zeitfensters im Kino anzulaufen", sagt Hoffmann. Auch öffentliche Förderungen sind an solche Fristen geknüpft. Wenn diese nicht eingehalten werden, bricht die Finanzierung zusammen. Hoffmann hofft hier auf ein unbürokratisches Nachsehen des Gesetzgebers: dass diese Fristen in den Produktionsverträgen aufgrund des Coronavirus gelockert würden. Sonst werden die betroffenen Filme womöglich nie im Kino zu sehen sein.