Ein Schauspieler muss schon sehr in sich gefestigt sein, um die Last der Welt zu tragen. Die Verantwortung, die Max von Sydow in seinen prägenden Rollen auferlegt wurde, war unermesslich. Nicht selten lag das Schicksal der Menschheit in seinen Händen. Berühmt wurde von Sydow 1957 als Ritter, der in Das siebente Siegel mit dem Tod Schach spielt. In seinem Hollywood-Debüt Die größte Geschichte aller Zeiten von 1965 verkörperte er Jesus Christus. In der Titelrolle des Exorzisten bot er 1973 dem Teufel unerschrocken Einhalt, den er wiederum später in der Stephen-King-Verfilmung In einer kleinen Stadt mit sichtbarem Vergnügen an der Boshaftigkeit spielte. 

Max von Sydow war gewissermaßen das lutheranische, asketische Gegenstück zu Charlton Heston, der in Hollywoods Epen oft die letzte Bastion der Zivilisation verkörperte (und in Die größte Geschichte aller Zeiten Johannes den Täufer). Der 1929 im schwedischen Lund als Sohn eines Ethnologen und einer Lehrerin geborene von Sydow war allerdings auch von heroischer Zuverlässigkeit, wenn seine Charaktere an der Welt verzweifelten. Das machte ihn zu einem trefflichen Alter Ego des großen Regisseurs Ingmar Bergman.

Von Sydow hatte schon in der Schulzeit Theater gespielt und gehörte zum Ensemble des Königlichen Theaters, bevor er ab 1955 mit Bergman arbeitete, zunächst bei Bühnenproduktionen und dann in unvergesslichen Haupt- und Nebenrollen im Film. Die Bergman-Figuren, die der junge Max von Sydow spielte, haderten mit der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz, rangen um einen letzten Rest von Selbstachtung im Angesicht von Trostlosigkeit und Barbarei. In Licht im Winter (1962) gerät der von ihm gespielte Fischer in eine existenzielle Krise und begeht Suizid, weil er glaubt, die Chinesen würden zum Hass erzogen und es sei nur eine Frage der Zeit, bis sie eine Atombombe bauen. 

Bergman ließ von Sydow oft Künstler spielen und vertraute drauf, dass ein stabiler Darsteller am besten geeignet ist, um zerrissenen Figuren Gestalt zu verleihen. Von Das siebente Siegel an besaßen diese bei von Sydow zugleich eine archaische Kraft. Sie schienen Anker in einer Wirklichkeit zu sein, die zu zerfallen drohte; doch sie waren auch zu heftiger, eruptiver Gewalt fähig. Den heiligen Zorn des Vaters, der in Die Jungfrauenquelle Vergeltung für die Schändung seiner Tochter üben will, rückt von Sydow in einen Zwiespalt – die Figur wird sich bei ihrer Rache selbst erniedrigen. Bergman schätzte die Distanz, die von Sydow zu seinen Charakteren halten konnte. Zwölf Filme drehten der Regisseur und der Schauspieler insgesamt zusammen, ein weiterer hätte unbedingt noch dazu kommen sollen, doch von Sydows brennender Wunsch, in Fanny und Alexander (1982) mitzuwirken, wurde von der astronomischen Gage vereitelt, die sein amerikanischer Agent hinter seinem Rücken gefordert hatte. Natürlich kam auch der erklärte Bergman-Bewunderer Woody Allen nicht an von Sydow vorbei und besetzte ihn als hochmütigen, misanthropischen Maler in Hannah und ihre Schwestern

Von Sydow hat seine Karriere früh international angelegt, in den Sechzigerjahren ist er nach Los Angeles gezogen und im folgenden Jahrzehnt nach Rom; zuletzt lebte er in Frankreich. Er war David Leans erste Wahl für die Titelrolle in Doktor Schiwago (die Studioleitung von MGM fand ihn jedoch "zu kalt"; für Omar Sharif wurde die Pasternak-Figur zu der seines Lebens). Nachdem von Sydow 1966 als Altnazi in Das Quiller-Memorandum brilliert hatte, legte ihn Hollywood auf Schurkenrollen fest; auch ein Bond-Gegenspieler (allerdings im nicht offiziell zur Serie gehörenden Connery-Comeback Sag niemals nie) findet sich in von Sydows Galerie erlesener Bösewichte.

Seine hochgewachsene Gestalt prädestinierte ihn für die Verkörperung von Machtmenschen, denen zwar Skrupel nicht fremd sind, die aber die Notwendigkeit gesellschaftlicher Rituale respektieren. Und seinem hageren Gesicht eignete eine statuarische Ruhe, die erahnen ließ, dass dieser Mensch sein Pensum an Schmerz und Schuld absolviert hat. In Sydney Pollacks Politthriller Die drei Tage des Condor spielte von Sydow 1975 den kultiviertesten, höflichsten Auftragsmörder der Filmgeschichte. "Ich interessiere mich nicht für das Warum", sagt er in einer Szene zu Robert Redford, als er rücksichtsvoll das Licht vor dem Haus seines letzten Opfers löscht. "Ich denke in Begriffen wie Wann? und Wo? Und immer: Wie viel?" 

In solchen Momenten war das Schillern zu spüren, das Max von Sydow zu einem so herausragenden Charakterdarsteller machte: Auch wenn er eine moralische Distanz zu den Figuren aufbaute, stattete er sie doch mit größter gestischer Sorgfalt aus. Seine Leinwandpräsenz wirkte nicht nur machtvoll in der filmischen Kurzschrift von Hollywoods Genrekino. Sie ließ ihn auch in Ensemblefilmen hervorstechen, in den Siebzigerjahren etwa bei Francesco Rosi (Die Macht und ihr Preis) und in der hochkarätig besetzen Dino-Buzzati-Verfilmung Die Tatarenwüste; in Schmetterling und Taucherglocke entwarf er 2007 unter der Regie Julian Schnabels eine herzzerreißende Studie väterlicher Liebe. 

Mehr als sieben Jahrzehnte dauerte die Schauspielkarriere Max von Sydows an. Wirklich zu altern schien er kaum in all den Jahren, wohl weil er schon als junger Mann derart reif gewirkt hatte. Einen seiner größten Triumphe feierte er 1988 mit Pelle, der Eroberer, für den er seine erste Oscarnominierung und den Europäischen Filmpreis erhielt. Er drehte nicht nur mit Meisterregisseuren wie Dario Argento, John Huston, David Lynch, Martin Scorsese, Steven Spielberg, Bertrand Tavernier und Wim Wenders. Er war sich auch nicht zu schade für Abstecher ins Star-Wars-Universum oder Gastrollen etwa in Game of Thrones.

Max von Sydow schenkte Filmen und zuletzt eben auch Serien die ihm eigene Würde und Integrität, und er bewahrte sie sich selbst in jeder Szene. Die Last der Welt, auch wenn sie in fantastischen Welten nur behauptet wurde, trug er, so sah es aus, mit stiller Freude und großem Ernst. Nun ist Max von Sydow im Alter von 90 Jahren gestorben.