Der lustigste und kurzweiligste Film der bisherigen Saison stammt von dem Regisseur Stefan Ruzowitzky und versucht sich an einer modernisierenden Deutung des 1930 erschienenen Romans Narziss und Goldmund von Hermann Hesse. Darin wird die Geschichte von zwei Männern erzählt, die sich gegen Ende des Mittelalters als Jungen in einem Kloster kennenlernen. Der eine von ihnen, Narziss, ist fest in seinem Glauben verwurzelt und ebenso fest dazu entschlossen, sein Leben als Mönch zu verbringen. Der andere, Goldmund, wird eines Tages von seinem durchweg unsympathischen Vater in das Kloster gebracht; der Vater verstößt den Sohn, weil dessen Mutter ihm durch unbotmäßiges Verhalten die Laune verdorben hat.

Goldmund liebt die Kunst, die Freiheit und vor allem die Frauen, darum verlässt er das Kloster, als er geschlechtsreif wird; er zieht durch die bald von der Pest verwüsteten Lande, verdingt sich als Bildhauer, erwirbt und verliert Liebschaften und trifft eines Tages unter ungünstigen Umständen – weil er mit der Buhlfrau eines Statthalters ertappt worden war, ist er nackt, frisch gefoltert und zum Tode verurteilt – wieder auf seinen alten Gefährten Narziss.

Es ist nicht recht ersichtlich, warum man diesen Stoff 90 Jahre nach seinem Erscheinen verfilmen soll, und der erste Eindruck ist, dass auch der Regisseur keine Ahnung davon bekam. Darum hat er einen wunderbar zweckfreien, ebenso sinnlos wie begeisternd beglitzerten Oberstufenliteraturadaptionsschinken angerichtet, der ebenso den Geist der legendären ZDF-Weihnachtsvierteiler aus den Siebzigerjahren atmet (denken Sie an: Raimund Harmstorf in Der Seewolf und Michael Strogoff oder an Hellmut Lange in Lederstrumpf), wie er die Ästhetik der Winnetou-Filme aus den Sechzigern in die Gegenwart überführt.

Einen so getreuen Eleven wie Ruzowitzky hat der Winnetou-Regisseur Harald Reinl in den Jahrzehnten seither jedenfalls nicht mehr besessen: Herrlich sind die historisierenden Panoramen, die den Blick weit über die Szenerien schweifen lassen und, selbst wenn sie Schmutz, Krankheit und Elend detailgetreu ins Bild bringen, doch immer so wirken, als wären sie laminiert oder mit Klarlack bepinselt (Kamera: Benedict Neuenfels); toll sind die Darsteller und Darstellerinnen, denen man noch in den leidenschaftlichsten Momenten die Ratlosigkeit angesichts der Frage ansieht, wie sie jetzt eigentlich in dieses Spektakel hineingeraten sind; immer wieder wird man an Reinls irritierte Komantschen mit ihren schief sitzenden Indianerperücken erinnert.

Mit Mönchskutte und Slang: Kida Khodr Ramadan (links) als Anselm und Sabin Tambrea (rechts) als Narziss © 2019 Jürgen Olczyk /​ Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Zum Beispiel, wenn Uwe Ochsenknecht als kunstphilosophierender Bildhauermeister mit dunklem Blick durch die Kulissen flaniert; er wurde zu diesem Zweck mit einem Bildhauermeisterbart ausgestattet, der aussieht, als wäre er aus einem Buchsbaum geschnitten und dann an sein Kinn angeklebt worden. Oder wenn – Szenenapplaus bei der Pressevorführung – der als Clan-Gangsta-Meister aus der Serie 4 Blocks bekannte Kida Khodr Ramadan in Mönchskutte und mit Tonsur durch die Klosterkreuzgänge schreitet und gleichwohl im schönsten Straßenslang diskurriert: "Isch hab dich doch gesagt, dis gibbt Wundbrand, wennde disch nich behandelscht!" Ramadan reproduziert mithin in schönster Weise die Haltung, die etwa Klaus Kinski als Klaus Kinski in Winnetou II zur Vollendung brachte: Mir doch egal, in welchem Film ich hier mitspiele.

Die Hauptrollen spielen Jannis Niewöhner und Sabin Tambrea, und auch sie sind dabei durchweg sehr schön anzusehen. Besonders Niewöhner – als Goldmund – verfügt über einen ausgesprochen angenehm ausgestatteten Körper mit einer beachtlichen, bis ins letzte Detail definierten Brustmuskulatur, weswegen er auch bei jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit das Wams abstreifen darf und halb-, dreiviertel- oder ganz nackt durch die Szene hüpft. In unversehrter und jugendlich knackiger Form erweckt er einen ebenso erotisierenden Eindruck, wie wenn er mit Striemen, Schnitten, Schlagwunden und Narben als Wiedergänger des Heiligen Sebastian inszeniert wird.

Das heißt, auch wer Männer erst attraktiv findet, wenn sie Blessuren am Körper besitzen, kommt in diesem Film voll auf seine Kosten. Zumal Sabin Tambrea – als Narziss – auf seinem Weg zum religiös-asketischen Existenzideal durch genügend Krisen des Selbstzweifels geht, um sich wiederholt ausgiebig geißeln zu können, bei Mondlicht in einer Zelle mit einem satt schnalzenden Riemen. Wenn Tambrea seinen Körper über die Langstrecke des Films auch wesentlich zurückhaltender zur Schau stellt als Niewöhner, so sind jedenfalls diese Geißelungsszenen für jeden aufgeklärten Fetischfreund eine Wucht.

Narziss und Goldmund ist also zunächst und zuletzt ein schön fotografierter Sexfilm für Katholiken wie auch für alle Menschen, die sich für Katholikensexfilmästhetik zu begeistern vermögen. Neben Raimund Harmstorf und Harald Reinl spürt man mithin den Einfluss von Pier Paolo Pasolini; schauen Sie sich, wenn Sie das nicht glauben, noch einmal dessen Verfilmung des Decameron aus dem Jahr 1970 an.

Wie dort findet sich auch bei Stefan Ruzowitzky unter der drolligen Kostümhuberei und der scheinbar so glatt versiegelten Klassikeradaptionsoberfläche eine Reflexion auf das sexuelle Begehren und seine Versagung – und auf die Frage, wie erst die Versagung das Begehren zu sich selbst zu bringen vermag; denn ein Begehren, das zur Erfüllung gelangt, muss ja als solches verschwinden. Oder anders gesagt: Narziss und Goldmund handelt auch von der Erkenntniskraft und den Wonnen des Masochismus; und darin trifft dieser Film in unserer auf die schnelle Befriedigung gestimmten Gegenwart vielleicht doch einen interessanten Punkt.

"Narziss und Goldmund" läuft ab dem 12. März in den deutschen Kinos.