Das war wirklich sehr beängstigend – Seite 1

Der ARD-Sonntagabendkrimi spielt ja selten dort, wo die meisten Leute wohnen, wo das Geld nicht so reichlich, sondern eher knapp ist. Unternimmt ein Tatort doch einmal den Ausflug in Milieus, die medial nicht gerade zu viel repräsentiert werden, kann es leicht so unangenehm werden – wie vor zwei Wochen in Ludwigshafen. Da wird dann lustvoll in dem Schmutz gebadet, als den man sich diese vorstellt.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

In diesem Sinne ist die neue Kölner Folge Niemals ohne mich (WDR-Redaktion: Götz Bolten) dann beinahe eine Überraschung. Sie spielt zumeist unter Leuten, die auf Transferleistungen angewiesen sind, und tut das, ohne Abwertung zu performen. Dafür werden mehr oder weniger unauffällig Merksätze aus der Empirie eingeflochten: "In Deutschland zahlt nur jeder vierte Unterhaltspflichtige den vollständigen Betrag für die eigenen Kinder", sagt jemand vom Jugendamt.

Das Opfer vons Janze ist eine Mitarbeiterin von diesem Jugendamt, die auf den Namen Monika Fellner (Melanie Straub) hörte und als harte Hündin galt, wie man so sagt. Die Fellnerin stieg den Säumigen schon mal aufs Dach – was dieser Tatort (Buch: Jürgen Werner, Regie: Nina Wolfrum) wörtlich nimmt.

Monika Fellner stattet dem nicht zahlenden, an der Steuer vorbei dazu verdienenden, von Frau und Kind getrennt lebenden Stefan Krömer (Gerdy Zint) einen Besuch vor malerischer Kulisse ab – im Hintergrund füllt der Kölner Dom das Bild mit seiner ganzen Wucht. Das ist natürlich etwas albern, aber interessant aus einem anderen Grund: Das Opfer wird noch in Action gezeigt und erst nach acht Minuten umgebracht. Was eindeutig mehr Verbindung zu dem Fall schafft, als wenn die Leiche in den ersten dreißig Sekunden irgendwo rumliegen würde.

Mit dieser für den Kölner Standard-Tatort doch relativ ausführlichen Einführung ist der Ton gesetzt. Das Verdächtigenballett tanzt hier in voller Pracht um Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Fab Five Freddy (Dietmar Bär) herum, und das lange Zeit auch noch, ohne das Odeur der potenziellen Täterschaft zu verlieren.

Neben Stefan Krömer, der die Fellnerin vom Dach zu schmeißen drohte und sonst auch nicht den Eindruck vermittelt, zu den allerentspanntesten Zeitgenossen zu zählen, wären das: Rainer Hildebrandt, den Uwe Schneider wieder mal als Don Quijote des sozialen Aufstiegs spielt, der was zu verschweigen (schwarz verdientes Geld) und verlieren hat (die Kinder). Mit Hildebrandt setzt der Film ein, er ist auf Hartz IV angewiesen, seit die Frau sich getrennt hat und mit den Kindern in die, das sind so etwas arg krasse Kontraste, Top-Pool-Villa von ihrem Chef gezogen ist.

Die dritte Kandidatin ist Ingrid Kugelmeier (Anna Böger), eine Kollegin der Toten, der die finale Abmahnung drohte, weil sie – anders als die rigorose Fellner – schon mal Augen zugedrückt hatte bei der Mittelvergabe. Neben den dreien beschäftigt außerdem Erik Siepen (Orlando Lenzen) die Ermittlungen. Der lebt als Vater von Tülay Firats (Yeliz Simsek) Baby in der gleichen Wohnung, ohne die Vaterschaft aber einzugestehen (damit das Amt zahlt).

So ganz genau will man nicht nachfragen

Am Ende zaubert der Tatort aber Markus Breitenbach (Christian Erdmann) als Täter aus dem Hut, den leutseligen Jugendamtsabteilungsleiter. Der hat einerseits ebenfalls umverteilt auf pragmatische Art und pflegte andererseits amouröse Beziehungen mit Klientinnen wie der Mutter von Herrn Krömers Kind (Karen Dahmen). Um sich zu Hause verdünnisieren zu können für seine Affären, hatte Breitenbach dem eigenen Baby Schlafmittel verabreicht (darüber kommt ihm die von Henny Reents gespielte Gattin wohl auf die Schliche). Ein Trick, der aufmerksamen ARD-Sonntagabendkrimi-Stammzuschauerinnen bekannt vorkommen kann. 

In dem seinerzeit sehr gemochten Dresdner Tatort: Das Nest gab es vor einem Jahr ebenfalls einen Täter, der an der störenden Frau vorbei rausmusste am Abend und sie deswegen betäubte. Dort wurde die Schlafmittelverabreichung irgendwann vorgeführt und durchgespielt, auch weil das Scheitern dann zur Auflösung beitrug. 

In Köln wird die Masche dagegen einfach nur gesagt. Und an so einer Szene kann man erkennen, was einen gut von einem okay erzählten Krimi unterscheidet – der Aufwand, den es bedeutet, etwas zu zeigen, statt es nur zu behaupten. Aber für Kölner Verhältnisse ist Niemals ohne mich durchaus weit oben anzusiedeln.

Wie besonders Niemals ohne mich für den Schauplatz ist, lässt sich am besten aber sehen an dem Running Gag mit der selbst gebauten "Lichtdusche" vom Arbeitsvermeider Jütte (Roland Riebling) auf dem Revier: Das Gerät legt zum Schluss einen durchaus gekonnten Slapstick hin.