Eine einzige Sülze – Seite 1

Der Titel des kommenden ARD-Superhits passt schon mal nicht in die Realität der Ausstrahlungszeit, von der Unsere wunderbaren Jahre (WDR-Redaktion: Caren Toennissen, Barbara Buhl, Degeto-Redaktion: Christine Strobl) beim Gedreht- und Programmiertwerden freilich nichts wissen konnte.

Man muss allerdings sagen: Der Titel passt auch nicht zu der Zeit, von der dieser Dreiteiler vorgibt zu erzählen – den Jahren nach dem Krieg, von der Währungsreform 1948 bis zum Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR. Denn diese Zeit war eher entbehrungsreich und hart. "Niemandszeit", "Elendszeit" oder "Wolfszeit" sind Synonyme, die einem etwa in Harald Jähners Sachbuch Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945-1955 entgegenkommen, das im vergangenen Jahr mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet worden ist.

Immerhin passt der Titel aber zur kompletten Ambitionslosigkeit von Unsere wunderbaren Jahre. Ein Name, der sich der Romanvorlage von Peter Prange verdankt, und so unscharf ist wie der Film. In drei langen Teilen wird von einer Familie mit drei Töchtern erzählt – wie sie die Nachrichten jener Jahre erleben müssen und wer wen heiratet.

Und es erscheint eben unvorstellbar, dass irgendjemand in zehn Jahren, neun Monaten oder auch nur vier Wochen auf die Idee käme, anderen Leuten vorzuschwärmen von diesem supertollen Seherlebnis (weshalb man sich oder besser die Verantwortlichen fragen sollte, warum um alles in der Welt das Ganze als "Event"-Dreiteiler gelabelt wird). Weißt du noch, Unsere wunderbaren Jahre, das war mal ein Fernsehkracher allererster Kajüte! Oder: Meine Top drei in Sachen Fernsehen?  – Breaking Bad, The Good Wife und Unsere wunderbaren Jahre, was denn sonst?!

Ich habe selbst googlen müssen, um mich zu erinnern, wie der Dreiteiler aus dem ZDF hieß, den ich letzten Herbst hier besprochen habe – Der Preis der Freiheit. Auch da ging es darum, dass eine Familie mit drei Töchtern das durchmacht, was wir als Geschichte kennen (das Ende der DDR). Was den zuschauerverachtenden Schematismus dieser aufwendigen Fernsehprojekte dann doch ganz gut illustriert.

Jörg Schönenborn ist ja nicht nur der Mensch mit den Zahlen in den Wahlsendungen der ARD, sondern allen Ernstes auch der Koordinator Fernsehfilm im Senderverbund. In dieser Funktion schreibt er in seinem Geleitwort zu Unsere wunderbaren Preise: "Inszenierte Geschichte bietet die Möglichkeit, Vergangenes mit aktuellem Blick zu sehen, Geschichte neu einzuordnen und zu bewerten." Gemeint ist damit im aktuellen Fall: Die Leute haben damals noch überall geraucht. Und: Frauen hatten es damals noch schwerer, wir erzählen aber eine Familie mit, hey, drei Töchtern und nicht mit drei Söhnen. Stichwort: aktueller Blick, #neubewerten.

Und das ist wirklich: alles. Dabei könnte man, wo gerade ein paar Leute auf den Trichter kommen, nach den Kontinuitäten von rechter Gewalt und Neonazismus in der Bundesrepublik zu fragen, in so einem Projekt mal etwas darüber erzählen, wie die Nazis mit der vermeintlichen Stunde Null (so lautet der Titel der ersten Folge) nicht plötzlich alle wundersam verschwanden.

Was aber macht der "Event-Dreiteiler"? Er markiert einen Schwiegersohn Fritz als SS-Mann und zwar gleich aus der Leibstandarte Adolf Hitler. Vater Wolf (Thomas Sarbacher), den der Film früh als Widerstandskämpfer entwirft, mochte ihn nie. Fritz kommt 1948 aus der Gefangenschaft in die Kleinstadt Altena zurück und leidet an Tuberkulose, damit er von seiner Frau Margot, der ältesten Tochter der Familie Wolf (Anna Maria Mühe), mit einem Kissen erstickt werden kann.

Margot drückt zwar auf der Beerdigung vom Gatten dem gemeinsamen Sohn den rechten Arm runter, als alle anderen diesen zum Hitlergruß erheben. Sie soll dann aber merkwürdigerweise noch eine Weile als stramme Nationalsozialistin durchgehen, die nach Argentinien auswandern möchte, weil da die Leute sind, "die denken wie wir".

Verliebt ins "Land"

Der Witz ist, dass man noch nicht mal erfährt, wie Margot denkt. Man muss als Zuschauer wissen, dass sie eine Nationalsozialistin sein soll, denn was sie sagt, ist so allgemein, dass sich daraus kein Weltbild ableiten lässt. Wenn sie im dritten Teil dann checkt, dass das mit den Nazis, sagen wir mal, nicht so top war und alles wiedergutmachen will, erklärt sie ihr Fehlverhalten mit: "Ich war verliebt in dieses Land." Nicht in Adolf Hitler, nicht in die Herrenmenschenprivilegien und -ideologien, nein, ins Land.

Das ist, was Unsere freiheitlichen Jahre zu Entnazifizierung einfällt. Und was anschlussfähig sein dürfte an das Reden von rechts, dem es immer darum geht, Nazis zu normalisieren und Antifaschismus zu delegitimieren. Was soll daran der aktuelle Blick sein? 

Das ist doch noch dürftiger als in all den Schuldverdrängungsfilmen, an denen schon seit dem ersten, nach 1945 fürs Kino gedrehten kein Mangel in Deutschland herrscht. In Die Mörder sind unter uns von 1946 ist die KZ-Überlebende (Hildegard Knef) einzig dazu da, einem Arzt (E. W. Borchert) wieder zu Lebensmut zu verhelfen, der unter seinen Erinnerungen an den Krieg  und seinen schrecklichen Hauptmann leidet.

Ästhetische Tristesse

Im ARD-Dreiteiler erhängt sich Papa Wolf irgendwann, weil er als Metallwarenproduzent im NS-Regime – wer hätte das gedacht? – Stacheldraht für Konzentrationslager hergestellt hat. Allein, dass sich der Film aus dieser vermeintlichen Erkenntnis am Ende des ersten Teils einen Cliffhanger bastelt, zeigt die grundwiderliche Trostlosigkeit von Unsere preisbewussten Jahre in a nutshell, wie die Engländerin sagt. Wie kann es bloß sein, dass "kriegswichtige" Fabrikbesitzer zur Zeit des Zweiten Weltkriegs etwas anderes produziert haben als Spielzeug für Kinder und die Besteckservices, die es bei Wolfs noch in ausreichender Zahl gibt? Am Ende wird der Papa von der Familie übrigens kollektiv entschuldigt – Mama (Katja Riemann) hatte ihn "gedrängt", die Nummer mit dem Stacheldraht durchzuziehen (also "wusste" er doch davon?).

Wie ernst kann es dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen sein mit seinem Auftrag, wenn der WDR federführend für die ARD ein solch antiaufklärerisches, geschichtsklitterndes Machwerk hinstellt? Zumal Unsere jährlichen Wunder schon auf handwerklicher Ebene eine einzige Sülze ist: Die Schauspieler können einem leidtun, weil die Figuren sich nur durch Haarfarben unterscheiden und von wiedererkennbaren, plausibel handelnden Charakteren weit entfernt sind.

Die Dialoge, die über drei Wortwechsel hinausgehen, kann man an einer Hand abzählen. Und vor allem vergeht keine Szene in dem insgesamt viereinhalbstündigen, dramaturgisch monotonen Film, unter der nicht die furchtbar kitschig-schlichte Musik (Matthias Beine) liegt (gut, einmal musiziert die Familie selbst, wie man das so macht bei Großbürgers).

Der Soundtrack soll dem Publikum immer schon verraten, ob jetzt ein Bösewicht redet, ob es traurig oder dramatisch werden soll oder eines der Wolf-Girls voll flirty in love ist (in den ersten beiden Teilen pünktlich ab Minute 52). Man kann sich Beines Filmmusik vorstellen wie eine dieser praktischen Medikamentenboxen, auf denen die Wochentage und Tageszeiten stehen, sodass man sich immer sicher sein darf, die richtige Medizin zu sich zu nehmen.

Und dann behauptet Jörg in seinem Geleitwort, Unsere freiheitlichen Preise zeige, "dass es die ARD mit ihren fiktionalen Erzählungen durchaus mit der immer stärker werdenden Konkurrenz durch verschiedenste Plattformen aufnehmen kann". Weil die Quoten am Morgen nach der Ausstrahlung schon irgendwie gut gewesen sein werden? Ein anderes Argument kann man sich in Anbetracht der ästhetischen Tristesse des Dreiteilers unmöglich vorstellen.

Die drei Teile von "Unsere wunderbaren Jahre" laufen am 18., 21. und 25. März jeweils um 20.15 Uhr im Ersten. Als Sechsteiler ist die Serie in der ARD-Mediathek abrufbar. 

Ergänzung: Wir haben im dritten Absatz ergänzt, dass sich der Dreiteiler auf die Romanvorlage von Peter Prange bezieht.