Am zurückliegenden Wochenende hat die WDR-Sendung Die letzte Instanz Social Media in Atem gehalten. Das ist ein gutes Beispiel für die Ungleichzeitigkeiten der medial fragmentierten Gegenwart, in der wir leben. Denn bei der Show, die am Freitagabend um 23.30 Uhr im WDR ausgestrahlt und in der Mediathek entsprechend neu datiert wurde, handelte es sich um eine Wiederholung vom 30. November vergangenen Jahres. An jenem Montag im Herbst 2020 war der Bundesliga-Spieltag gerade vorbei, über den sich Moderator Steffen Hallaschka aus Senderstandortsicht so freute zu Beginn – zweimal spielte da eine NRW-Borussia (Gladbach, Dortmund) gegen einen NRW-FC (Schalke, Köln). Zwei Monate sind seither vergangen.
Die eigentliche Ungleichzeitigkeit führt aber ins Zentrum der jetzt entflammten Kritik. Die letzte Instanz will eine Sendung sein, in der Moderator Hallaschka in einer Stunde mit vier Gästen (hier: Jürgen Milski, Micky Beisenherz, Janine Kunze, Thomas Gottschalk) vier Themen "bemeint". Was so schlicht klingt, wie es in dem Fall ist: Leute sind nicht deswegen prominent, weil sie "Meinungen" haben, sondern weil sie irgendwas besonders macht.
Insofern erscheint Die letzte Instanz wie eine ins Grauenhafte und Unlustige gewendete Version von Hugo Egon Balders Genial daneben. Da geht es auch darum, prominente Leute, die witzig sein wollen, mit Fragen zu konfrontieren, auf die diese Leute keine Antwort wissen; die sich aber dank ihres Witzes trotzdem dran versuchen, in der Hoffnung auf kurzweilige Unterhaltung. Weil die Fragen argloses Spezialwissen oder komische Wörter betreffen, gelingt das mit der kurzweiligen Unterhaltung gut.
Eine Schwachsinnsdiskussion
Anders als bei dem mühsamen Rumgemeine in Die letzte Instanz. Das muss sogar Formaterfinder und Moderator Hallaschka zugestehen. Als in der aktuell gesendeten, alten Folge die Schwachsinnsdiskussion über das, gähn, was man vermeintlich nicht mehr sagen darf, zwangsläufig bei der Genderlücke landet, über die heute-journal-Moderator Claus Kleber (ZDF) spricht, will Hallaschka von Gottschalk wissen, ob ihn das nicht beeindrucken würde. Und Gottschalk, der in grauer Vorzeit einmal als Sunnyboy und locker und Gigant der deutschen Samstagabendunterhaltung galt, stammelt allen Ernstes: "Kleber und Kleb_innen". Das ist von solch einer tiefen Traurigkeit auf so vielen Ebenen, dass es selbst, achten Sie drauf bei Minute 15:23, dem sonst recht erfolgreich dumm tuenden Hallaschka schwerfällt, die eigene Mimik im Griff zu behalten. Der Blick geht hilfesuchend zu Micky Beisenherz, weil der als Einziger in der Runde überhaupt zu einer Umdrehung Reflexion in der Lage scheint. Aber Beisenherz guckt da schon eine Weile beschämt auf den Boden angesichts des Gag-Tischfeuerwerks, mit dem Gottschalk gerade den letzten Rest seiner Reputation abfackelt ("Salzstreuerin").
Das Stöckchen, das die Sendung den vier eingeladenen Fernsehgesichtern hingehalten hatte und das jetzt, zwei Monate später, für die Kritik sorgt, verdankt sich einem Barbara-Schöneberger-Spruch aus dem September vergangenen Jahres, den Schöneberger während der Verleihung des Deutschen Radiopreises gemacht hatte – es geht um ein Lebensmittel, das nach der Fremdzuschreibung für Sinti und Roma heißt und für dessen Rettung ZDF-Legende Peter Hahne schon seit Jahren all in geht.
Der WDR hat mittlerweile reagiert und eine Erklärtafel vor die Sendung in der Mediathek geheftet. Auf der steht zu lesen: "Aber rückblickend ist uns klar: Bei so einem sensiblen Thema hätten unbedingt auch Menschen mit diskutieren (sic) sollen, die andere Perspektiven mitbringen und/oder direkt davon betroffen sind. Wir lernen daraus und werden das besser machen." Eine ähnlich lautende Aussage hat das Social-Media-Team des WDR am Sonntag auf Twitter veröffentlicht. (Kunze und Beisenherz haben sich unterdessen für ihre Äußerungen in der Sendung entschuldigt.)
Sollte es dem WDR mit dem Lernen ernst sein: Ich bin mir gar nicht sicher, ob es nur darum geht, dass hier Menschen mitreden dürfen, die durch rassistische Fremdzuschreibungen diskriminiert werden. Auch weil ich mir schwer vorstellen kann, wer Bock haben sollte, in so einer Runde, in der es überhaupt nicht darum geht, etwas zu verstehen, und in der Leute sitzen, die offenbar mit dem Nachdenken Probleme haben, noch einmal zu klären, wie Rassismus funktioniert und warum Rassismus nichts Gutes ist.
Denn, und das ist eigentlich die schlimmste Figur in dem Setting, Moderator Hallaschka weiß es doch besser. Er sagt am Ende, als alle vier die rote Karte hochhalten (die bedeutet, dass man weiter schön abwertende Begriffe gebrauchen soll), Beisenherz sogar gegen seine Argumente: "Sprache ändert sich." Hallaschka hat die Äußerungen vom Zentralrat der Sinti und Roma parat, in denen das steht, wovon der WDR jetzt meint, es solle noch mal jemand sagen in so einer Runde. Aber Hallaschka will eben nicht ernsthaft diskutieren in der Sendung, die er sich ausgedacht hat, er will nur ein bisschen Aufregung herstellen. Es soll rumgemeint werden.
Und das wird es nun seit 30 Jahren: Seit der Verweis auf angeblich herrschende Political Correctness genau dieses Sagen-dürfen-Wollen der Fremdzuschreibung für Sintezas und Romnja wieder und wieder vermeintlich ergebnisoffen gestattet. Dass es gerade nicht ums Zuhören und Verstehen geht, lässt sich schon daran erkennen, dass der Schöneberger-Spruch in der Runde zur Diskussion gestellt wird, die Kritik daran aber nicht vorgelesen wird. Die gab es damals nicht nur danach in den Medien, sondern bereits während der Verleihung des Radiopreises. Da erklärte nämlich eine Preisträgerin in ihrer Dankesrede, was das Problem an solchen abwertenden Begriffen ist – dass damit nach unten getreten wird.
Aber das will keiner hören. Und deshalb wird die Sache nicht besser, wenn der WDR jetzt Runden diverser besetzen will. Er müsste sich vielmehr Gedanken darüber machen, wie cool es als öffentlich-rechtlicher Sender eigentlich ist, dauernd "Debatten" führen zu wollen über Fragen, die nur dann welche sind, wenn man die vielfach geäußerten Antworten darauf einfach nie zur Kenntnis nimmt. Nur so ließe sich aus der Ungleichzeitigkeit zwischen Wissenkönnen und Ignorierenwollen herauskommen, die durch die verzögerte Kritik an Die letzte Instanz sichtbar geworden ist.
Am zurückliegenden Wochenende hat die WDR-Sendung Die letzte Instanz Social Media in Atem gehalten. Das ist ein gutes Beispiel für die Ungleichzeitigkeiten der medial fragmentierten Gegenwart, in der wir leben. Denn bei der Show, die am Freitagabend um 23.30 Uhr im WDR ausgestrahlt und in der Mediathek entsprechend neu datiert wurde, handelte es sich um eine Wiederholung vom 30. November vergangenen Jahres. An jenem Montag im Herbst 2020 war der Bundesliga-Spieltag gerade vorbei, über den sich Moderator Steffen Hallaschka aus Senderstandortsicht so freute zu Beginn – zweimal spielte da eine NRW-Borussia (Gladbach, Dortmund) gegen einen NRW-FC (Schalke, Köln). Zwei Monate sind seither vergangen.