Ich liebe es, als Couchpotato mit den Leuten auf dem Bildschirm mitzufiebern. Sich gedanklich mit im Geschehen zu tollen. Forrest Gump zum Beispiel schau ich immer wieder gerne hinterher, wie er im gleichnamigen Film eine Menge Abenteuer erlebt. Er hetzt durch den Vietnamkrieg, spielt Tischtennis in China und fischt in Alabama. John Lennon trifft er auch. Nur eine Szene habe ich für diesen recht aktiven Typ vermisst: dass er zum Mond fliegt. Das erledigte sein Darsteller Tom Hanks ein Jahr später und rezitierte in Apollo 13 die berühmten Worte: "Houston, wir haben ein Problem." Genau dieser Satz geht mir auch durch den Kopf, wenn ich an das Filmwesen denke.
Dass die Rolle des mit kognitiven Problemen lebenden Gump von Hanks gespielt wurde und man sich fragt, ob es nicht authentischere Darsteller gegeben hätte, die solch eine Gemengelage besser kennen – geschenkt. Aber die Rollen von behinderten Menschen werden in der Regel nicht nur von welchen ohne Behinderung gespielt. Sie stellen vor allem meist ziemlich bemitleidenswerte und passive Figuren dar. Sind Menschen mit Behinderung dies in besonderer Weise? Glaube nicht.
In Deutschland leben rund 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen. Nun ist es vielleicht nicht die primäre Aufgabe von darstellender Kunst, Lebenswirklichkeiten durch Quoten abzubilden. Ich bin viel mit dem Zug unterwegs, da versinke ich gerne in Filmen. Aber wenn ich dann Zeuge werde, welche Botschaften Filmfiguren in ihrem Reisegepäck haben, packt mich ein Grauen. Um dies zu veranschaulichen, reicht ein simpler Test. Der Behindertenrechtsaktivist Andrew Pulrang nennt ihn den Tyrion-Lannister-Test. Tyrion Lannister, das ist ein kleinwüchsiger Charakter in der TV-Fantasyserie Game of Thrones, Peter Dinklage spielt ihn als einen hochintelligenten, mächtigen Hedonisten. Die Behinderung des Darstellers wird weder verdrängt noch überwunden, sie ist da; sie ist ein Teil von ihm, aber eben auch nur dies.
Tauchen also in Filmen oder Serien Figuren mit einer Behinderung auf, stellt der Tyrion-Lannister-Test drei schlichte Fragen. Erstens: Ist eine Figur mit einer Behinderung Teil eines wichtigen Aspekts der Handlung? Zweitens: Werden Behinderungen realistisch beschrieben, also nicht grausam überzeichnet, glorifiziert oder verniedlicht? Drittens: Geben diese Figuren so viel, wie sie auch nehmen – wie aktiv sind sie also?
Dieser Check leitet sich vom sogenannten Bechdel-Wallace-Test ab, den die Comiczeichnerin und Autorin Alison Bechdel 1985 entwickelte, um der Stereotypisierung von Frauen in Film und Fernsehen auf den Grund zu gehen. Sie stellte an Filme ebenfalls drei Fragen: ob es mindestens zwei Frauenrollen gebe, ob diese miteinander sprechen – und wenn ja, ob über etwas anderes als einen Mann. Die Antworten fallen bei den meisten Filmen ernüchternd aus. Überhaupt lassen sich die Mechanismen des Sexismus durchaus mit denen des Ableismus vergleichen, mit der Behindertenfeindlichkeit. Frauen und Behinderte kämpfen den gleichen Kampf.
Beim Lannister-Test fallen dann etwa Filme durch wie der oft verfilmte Bergklassiker Heidi, den ich in meiner Kindheit stumm ertrug, weil die im Rollstuhl durchs Leben fahrende Klara in ihrer Passivität verharrt und nichts "gibt". Oder der französische Film Ziemlich beste Freunde, in dem ein Pflegehelfer seinen gelähmten Auftraggeber auf unkonventionelle Art Lebensmut verleiht und beide Freunde werden.
Abgesehen davon, dass ich Ziemlich beste Freunde recht rassistisch finde, weil der Film entlang der Klischees komplett unreflektiert einen weißen, gebildeten Mann zeigt, der einem Schwarzen Mann (sexy und guter Tänzer) Manieren und Kultiviertheit beibringt: Die Selbstermächtigung des Weißen im Rollstuhl funktioniert nur, weil er reich ist. So gleitet er unbeschwert durch den Film, ohne dass der Zuschauer etwas über Barrieren erfährt. Und natürlich werden Tabuthemen umsteuert. Während im Film Ohrmassagen als Sexersatz herhalten sollen, wird die Zuschauerin am Ende informiert, dass der Mann im Rollstuhl wieder geheiratet und Kinder gekriegt habe. Also: Zwischen Ohrenkribbeln und Geburtseinleitung hätte ich als Zuschauer gern einiges mehr erfahren – aber an diese Grauphase trauen sich Regisseure kaum heran. Sexszenen mit behinderten Menschen existieren in der Filmgeschichte quasi nicht. Schon interessant, dass Ziemlich beste Freunde viele Preise gewann und in Frankreich sowie Deutschland ein Kassenschlager war, während er in Großbritannien und in den USA eher mit gehobenen Augenbrauen registriert wurde. Für mich ist er Sozialkitsch.
Ich habe genug von darstellender Kunst, bei der Figuren mit Behinderung in Plots geraten, in denen sie immer wieder nur als passive Charaktertests für die nichtbehinderten Protagonisten dienen: Je nachdem, wie sich die Hauptfigur zu ihnen verhält, wird sie als gut oder böse erkennbar, emphatisch oder nicht – wie etwa Johnny Depp in der Rolle des Gilbert Grape gegenüber seinem "geistig behinderten" Bruder Arnie (Leonardo DiCaprio). Behinderte haben hier keinen eigenen Charakter, sie haben lediglich eine Funktion für Nichtbehinderte. Und ich habe genug davon, dass solche Rollen dann auch noch von Schauspielern übernommen werden, die eine Behinderung spielen müssen, wie bei Die Goldfische oder Erbsen auf halb 6 (und dann dafür auch noch Preise gewinnen für "authentische Darstellung").