Es war ein feiger Schlag aus dem Hinterhalt. Als Ai Weiwei die Tür zu seinem Hotelzimmer in Chengdu öffnete, traf ihn der Knüppel eines Polizisten. Schnell und hart. Danach wurde er verhaftet, abgeführt und viele Stunden festgehalten. Mit dem Übergriff vor gut vier Wochen sollte der Documenta-Künstler, Architekt - er hat das Pekinger Olympiastadion mitentworfen - und Regimekritiker eingeschüchtert werden. Denn Ai Weiwei prangert immer wieder die Menschenrechtsverletzungen der chinesischen Regierung an, am liebsten im Internet. Sein Blog stößt in China auf enormes Interesse, durchschnittlich werden 10.000 Besucher pro Tag gezählt. Dort und unter bullogger dokumentiert Ai Weiwei seine Aktivitäten und künstlerischen Projekte und ermutigt seine Landsleute zu eigenständiger Kritik. Jedes Mal, wenn eines seiner Blogs geschlossen wird, eröffnet er an anderer Stelle ein neues.

Zuletzt hatte er sich für die Aufklärung des Tofu-Schulen-Skandals eingesetzt. In der zentralchinesischen Provinz Sichuan waren im Mai vergangenen Jahres nach einem Erdbeben rund 80.000 Menschen gestorben, darunter mehrere Tausend Kinder. Sie wurden unter den Trümmern ihrer eingestürzten Schulen begraben. Ai Weiwei ging damals dem Vorwurf von Pfusch am Bau nach, den die Regierung vehement von sich wies. Er fordert ein Eingestehen, eine Entschuldigung. Das zumindest.

Vor vier Wochen war er deswegen in die von dem Erdbeben so stark betroffene Provinz Sichuan gereist, um dem Prozess gegen den Aktivisten Tan Zuoren beizuwohnen. Dieser hatte sich ebenfalls um die Aufklärung der Geschehnisse bemüht - teilweise waren Gebäude wie Kartenhäuser zusammengefallen. Nun sollte Zuoren vor Gericht mundtot gemacht werden. Der Schlag auf den Kopf sollte Weiwei einschüchtern.

Am vergangenen Wochenende kam Ai Weiwei nach München, um dort seine Ausstellung So sorry vorzubereiten, die am 11. Oktober im Haus der Kunst eröffnet werden soll. Mit einem Mal wurden die Schmerzen im Kopf unerträglich. Man lieferte ihn ins Klinikum Großhadern ein, wo ihm wegen innerer Blutungen zwei Löcher in die Schädeldecke gebohrt werden mussten.

Nach der Operation - auch das dokumentiert der Künstler in seinem Blog

Der Vater von Ai Weiwei ist während der Kulturrevolution umgekommen. Sein Sohn hat sich stets als derjenige gesehen, der das Engagement weiterführen müsse. Dass er dabei möglicherweise auch sein Leben gefährdet, war ihm beklemmend bewusst.

Die Notoperation verlief gut. Der Patient müsse aber erst einmal im Krankenhaus bleiben und sich mehrere Tage erholen, sagte ein Kliniksprecher anschließend. Die ärztliche Untersuchung sowie die Rekonvalenzphase hat Ai Weiwei selbst fotografisch dokumentiert und auf seiner Twitter-Seite veröffentlicht. Die Bilder dienen ihm einerseits als Beweismaterial, andererseits sind sie Teil seines politischen Engagements und seiner künstlerischen Strategie, die darauf abzielt, sich gegen Zensur, Willkür und körperliche Gewalt der chinesischen Behörden zu wehren.

Ai Weiweis Installation "Remembering" am Haus der Kunst gedenkt der Tausenden von Schulkindern, die während des Erdbebens in China ums Leben kamen

Unterdessen rüsten Ai Weiweis Helfer gerade die komplette Fassade vom Haus der Kunst ein. Die rund 100 Meter lange und zehn Meter hohe Installation ist Teil der So sorry-Ausstellung und besteht aus 9000 Rucksäcken. Ai Weiwei will damit auf das Erdbeben in Sichuan verweisen, auf die Trümmer der eingestürzten Schulen, unter denen sich zahlreiche Schulranzen fanden. Und darauf, dass die Machthaber dieser Welt immer nur alles totzuschweigen versuchen, vor allem die eigenen Fehler. In seinem für das Haus der Kunst neu eingerichteten Blog kommentiert ein User am 15. September dazu: 

"ich finde es ist absolut an der zeit, dass es eine neue entschuldigungskultur gibt. denn nichts ist bereinigender, als einen fehler zuzugeben und sich dafür zu entschuldigen. das tut dem verantwortlichen/schuldigen gut und - wenn es leidtragende gibt - auch und vor allem diesen. (...) setzen wir zeichen! ja zu einer neuen entschuldigungskultur!"