Sie wirken bescheiden. Zart fließen die wasserdünnen Farben in Aquarelltechnik ineinander, färben den Himmel blassblau, den Horizont blassrosa, das Laub der Bäume blassgrün. Wenn man Goethes Zeichnungen, auch die bekannteren von seiner Italienreise, betrachtet, könnte man meinen, der Dichter nehme sich als Zeichner sehr zurück. Es scheint das Kraftvolle zu fehlen, das seine Dichtung so auszeichnet. Dieser Eindruck deckt sich durchaus mit der Selbsteinschätzung Goethes: "Täglich wird mir's deutlicher, dass ich eigentlich zur Dichtkunst geboren bin und dass ich die nächsten zehen Jahre, die ich höchstens noch arbeiten darf, dieses Talent exkolieren und noch etwas Gutes machen sollte, da mir das Feuer der Jugend manches ohne großes Studium gelingen ließ. Von meinem längeren Aufenthalt in Rom werde ich den Vorteil haben, dass ich auf das Ausüben der bildenden Kunst Verzicht tue." Selbst später, als er ein alter Mann und seines Ruhmes sicher war, schrieb er über sein Zeichentalent: "Was ich aber sagen wollte, ist dieses, dass ich in Italien in meinem vierzigsten Jahre klug genug war, um mich selber insoweit zu kennen, dass ich kein Talent zur bildenden Kunst habe."

Doch was auf uns – und ihn selbst – manchmal so unentschieden gewirkt haben mag, entsprach in vielerlei Hinsicht der Technik und dem Verständnis der Epoche. Freilich, Goethe schrieb selbst: "Ich hatte eine gewisse Furcht, die Gegenstände auf mich eindringend zu machen, vielmehr war das Schwächere, das Mäßige nach meinem Sinn. Machte ich eine Landschaft und kam ich aus den schwachen Fernen durch die Mittelgründe heran, so fürchtete ich immer, dem Vordergrund die gehörige Kraft zu geben, und so tat denn mein Bild nie die gehörige Wirkung." Doch betrachtet man Zeichnungen seines großen Vorbilds und Lehrers in Italien Philipp Hackert, wird die Verwandtschaft augenfällig. Hackert malte keine Stimmungen, sondern Details. Er strebte danach, in den Konturen eines Baumes, in der Struktur der Rinde und der Form der Blätter noch die Buche erkennbar zu machen. In dieser Detailversessenheit konnte der zeichnende Goethe sich wiederfinden. So brachte er nicht nur Landschaften und Tempel aufs Papier, sondern auch anatomische Studien und naturwissenschaftliche Skizzen – auch als bildschaffender Künstler fühlte sich Goethe den Anhängern Johann Joachim Winckelmanns verbunden, den Klassizisten.

2700 Zeichnungen Goethes sind erhalten. Hunderte entstanden allein während der Italienreise. Das Nationalmuseum Weimar zeigt sie nun in einer Ausstellung und korrigiert die Selbsteinschätzung Goethes. Der Dichter konnte durchaus zeichnen. Sein Vater wäre stolz auf ihn gewesen. Über ihn schrieb Goethe in seiner Dichtung und Wahrheit: "Zeichnen müsse jedermann lernen, behauptete mein Vater. Auch hielt er mich ernstlicher dazu an als zur Musik."

"Johann Wolfgang Goethe - Landschaftszeichnungen" im Goethe-Nationalmuseum zu Weimar läuft bis zum 25. Oktober. Der von Ernst-Gerhard Güse und Hermann Mildenberger herausgegebene Katalog ist im Insel Verlag erschienen und kostet 68 Euro.