"Städte sind wie Dickhäuter"

ZEIT ONLINE: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Fall der Berliner Mauer erfuhren?

Renzo Piano: Der Mauerfall und die Attentate vom 11. September 2001 sind für mich die wichtigsten historischen Ereignisse in unserer jüngeren Vergangenheit. Am 9. November 1989 war ich in Paris, die Anschläge in New York habe ich aus nächster Nähe miterlebt. Beides konnte ich zunächst nicht glauben. Der Mauerfall war zu schön, um wahr zu sein, der 11. September dagegen zu schrecklich. Dass die Mauer eines Tages nicht mehr da sein würde, hatten wir zwar alle erwartet – nur nicht so schnell. Die Überraschung war enorm.

ZEIT ONLINE: Als Architekt haben Sie wesentlich dazu beigetragen, dem 'Neuen Berlin' ein Gesicht zu geben. Wie sehen Sie heute Ihr großes Projekt, den Wiederaufbau des Potsdamer Platzes?

Piano: Wir hatten eine sehr schwierige und komplexe Aufgabe, aber ich denke, dass wir sie recht gut gemeistert haben. Der Potsdamer Platz ist inzwischen ein lebendiger Teil Berlins. Jeder Architekt hat große Angst davor, dass die Bevölkerung seine Gebäude nicht annimmt. Das ist hier ganz und gar nicht der Fall. Natürlich braucht der Potsdamer Platz noch etwas Patina. Das Quartier Potsdamer Platz wurde erst vor elf Jahren eröffnet – das ist ein sehr kurzer Zeitraum in der langen Geschichte einer Stadt.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie das Projekt damals angegangen?

"Nur tote Museumsstädte bleiben so, wie sie sind. Berlin lebt von seiner Widersprüchlichkeit", sagt der Architekt Renzo Piano © Stefano Goldberg

Piano: Bevor ein Architekt den Zeichenstift in die Hand nimmt, muss er den Ort besichtigen, nachdenken und zuhören. Alle Orte sprechen in gewisser Weise, und man muss so lange warten, bis man auch die leisesten Stimmen verstanden hat. Der Potsdamer Platz steckte für mich damals voller Phantome aus seiner furchtbaren Vergangenheit. Dass nur noch wenige historische Gebäude übrig geblieben waren, machte die Sache nicht gerade einfach.

Mitten auf der Brache sah ich das alte Weinhaus Huth, einsam wie ein Schauspieler auf einer leeren Theaterbühne. Ich suchte weiter nach Spuren der Geschichte, um Anknüpfungspunkte für meine Arbeit zu haben. Gern hätte ich auch Teile der Mauer in mein Projekt integriert, doch sie war auf einmal spurlos verschwunden. Mir schien es, als wollte die Stadt ihre Unschuld wiedererlangen, indem sie Überreste aus ihrer Vergangenheit tilgte.

ZEIT ONLINE: So wie nach dem Zweiten Weltkrieg?

Piano: Ja, etwas Ähnliches war auch schon in den Jahren nach 1945 geschehen. Nicht der Krieg hatte den Potsdamer Platz dem Erdboden gleichgemacht. Dafür sorgten erst später die Stadtplaner und Politiker, die die ausgebrannten Ruinen abreißen ließen. Jemand sagte einmal, dass sich Berlin in jenen Jahren gewissermaßen zwischen Skylla und Charybdis bewegte. Eines dieser Ungeheuer war das Selbstmitleid, das andere die Arroganz. Wie schwierig muss es für Berlin gewesen sein, dabei sein Gleichgewicht zu finden!

ZEIT ONLINE: Worin unterscheidet sich das Berliner Projekt von Ihren Bauten in anderen Großstädten, etwa dem Centre Georges Pompidou in Paris?

 

Der Potsdamer Platz 1996: Blick vom Weinhaus Huth auf die Baustelle, hier das Areal Daimler-Benz (später DaimlerChrylser), im Vordergrund liegt der See des benachbarten Bauabschnitts

Piano: Beaubourg war etwas völlig anderes, das Ziel war viel klarer definiert. Es ging darum, ein Kulturzentrum zu bauen, das mit der Ehrfurcht einflößenden Tradition der Museen brechen sollte. Auch dieses Gebäude entstand auf einer freien Fläche, die aber schon vor dem Krieg existierte. Die Häuser in dem Viertel waren aus Hygienegründen bereits Ende der dreißiger Jahre abgerissen worden. In den Jahren danach parkten dort LKW, die die Markthallen belieferten. Das rechteckige Plateau Beaubourg war außerdem viel überschaubarer als der Potsdamer Platz. Wir ließen unser sonderbares Raumschiff dort landen, ohne dass es die gesamte Fläche einnahm. Es sollte noch Raum für das Zufällige, das Unerwartete bleiben.

ZEIT ONLINE: Zu Anfang sprachen wir vom 11. September. Wie sehen Sie die Lücke, die mitten in New York entstanden ist?

Piano: Auch Ground Zero lässt sich nicht mit dem Potsdamer Platz vergleichen. Nach den Anschlägen fragte man mich, wie ich dort den Wiederaufbau gestalten würde. Ich sagte, man solle vorerst gar nichts tun. Die Menschen müssen erst ihre Trauer verarbeiten. Ich wünschte mir, dass der spätere Architekt jetzt ein fünfjähriges Kind wäre, das erst erwachsen werden müsste, um die Aufgabe in Angriff zu nehmen. In 20, 25 Jahren wäre dann vielleicht der richtige Zeitpunkt gekommen. Einer solchen Tragödie kann man nur absolute Leere und Stille entgegensetzen.

Die Schweizer Fotografin und Filmemacherin Dominique de Rivaz ist die 155 Kilometer des Berliner Mauerweges entlanggewandert, um zu erkunden, was nach 20 Jahren von der Mauer noch geblieben ist. Eine Fotostrecke © Dominique de Rivaz

ZEIT ONLINE: Mit dem Wiederaufbau von Berlins alter Mitte hat man noch wesentlich länger warten müssen.

Piano: Das war eine viel zu lange Zeit! Der Kalte Krieg hat der Stadt Grausames zugefügt. Er hat sie zweigeteilt, der Schnitt ging mitten durchs Herz. Ganz so, als würde in Paris eine Mauer entlang der Seine gebaut, zwischen Rive Droite und Rive Gauche.

ZEIT ONLINE: Wie fügt sich der Potsdamer Platz in das Gesamtbild des wiedervereinigten Berlins ein?

Piano: Das kann man nach so wenigen Jahren noch nicht genau beurteilen. Städte sind wie Dickhäuter, die sich nur langsam fortbewegen. Im Moment kann man beobachten, dass der Potsdamer Platz allmählich wieder zur Stadtmitte wird. Noch vor ein paar Jahren waren West- und Ostberlin viel stärker voneinander getrennt. Inzwischen sind die Grenzen zwischen den verschiedenen Zentren Berlins viel fließender, ständig verändert sich etwas. Auch der Potsdamer Platz ist immer in Bewegung. Er ist ja eigentlich auch nie ein richtiger Platz gewesen, sondern ein Verkehrsknoten, so wie der Alexanderplatz.

Renzo Piano hat weltweit große Bauten realisiert. Eine Fotostrecke © John Gollings

ZEIT ONLINE: In ihren Konzepten spielen Pflanzen und Wasser eine wichtige Rolle. Wie lassen sich Architektur und Natur in Berlin miteinander im Einklang bringen?

Piano: Berlin ist eine sehr grüne Stadt, in der auch das Wasser große Bedeutung hat. In unmittelbarer Nähe zum Potsdamer Platz verläuft der Landwehrkanal. Das brachte mich beispielsweise auf die Idee, auf dem Areal neben Grünflächen einen See anzulegen. Viele andere Städte könnten sich an Berlin ein Beispiel nehmen. Der Dirigent Claudio Abbado und ich hatten vor einiger Zeit die Idee, in Mailand 90.000 Bäume pflanzen zu lassen, um dort das Klima zu verbessern. Darauf hat uns unsere gemeinsame Liebe zu Berlin gebracht. Wenn Mailand diesen Plan nicht wie vereinbart umsetzt, wird Claudio im nächsten Jahr nicht wieder an der Scala dirigieren.

ZEIT ONLINE: Kommen wir noch einmal zurück zum Potsdamer Platz. Was würden Sie tun, wenn Sie ihn heute noch einmal bebauen müssten?

 

Der Potsdamer Platz 2006: Der neu gestaltete Streifen der Potsdamer Straße zwischen dem Sony-Center und dem Areal DaimerlChrysler, im Hintergrund stehen der Bahntower und das Kollhoff-Hochhaus

Piano: Ach, was für eine grausame Frage! Anders als ein Schriftsteller oder ein Komponist kann ein Architekt das, was er einmal geschaffen hat, nicht mehr verändern. Immer wenn ich nach Berlin zurückkehre, fülle ich mein Notizbuch mit Anmerkungen und neuen Einfällen. In der Zwischenzeit habe ich so viel Neues erlebt, dass ich hier am liebsten wieder ganz von vorn beginnen würde. An anderen Stellen entsteht Berlin indes immer wieder neu, ganz wie Die unsichtbaren Städte, die Italo Calvino beschreibt. Nur tote Museumsstädte bleiben so, wie sie sind. Berlin hat eine natürliche Unvollkommenheit und lebt von seinen inneren Widersprüchen.

Das Gespräch führte Corina Kolbe.