Franz-Josef Heumannskämper ist sauer. Der Theaterregisseur steht in seiner Dachwohnung in der Kölner Innenstadt und kramt in einem Ordner. Der Inhalt: Einige Schwarz-Weiß-Fotos und ein paar alte Opernplakate. "Die Dokumente sind alles, was ich noch habe", sagt er und schüttelt den Kopf. Fast den gesamten Nachlass seines 1995 verstorbenen Lebensgefährten William Pearson, eines amerikanischen Baritons, hatte er dem Kölner Stadtarchiv verkauft. Beim Einsturz des Archivs am 3. März 2009 wurden die Erinnerungen mit in die Tiefe gerissen.

Seitdem ist der Bestand mit der Nummer 1577 verschollen. Noch immer kann niemand sagen, was davon übrig ist. "Ich weiß nicht einmal, wo die Fundstücke gerade sind", sagt Heumannskämper. Nach der Katastrophe wurden die geborgenen Überreste auf rund 20 verschiedene Archive im ganzen Land verteilt. Unsortiert, unnummeriert. Auch deshalb verklagt Heumannskämper jetzt die Stadt Köln. Er findet, sie hat ihre Sorgfaltspflicht verletzt. "Die Dokumente waren unzureichend gesichert", sagt Heumannskämper. Er will seine Sachen zurück – oder Schadensersatz.

Als Beleg für seine Ansprüche holt er seinen Vertrag mit dem Stadtarchiv vom Juni 1998 hervor. Darin sichert ihm der damalige Archivleiter zu: "Das Historische Archiv verpflichtet sich, (…) das Archivgut instand zu halten und – bei Bedarf – instand zu setzen." Immer wieder fährt Heumannskämper mit dem Zeigefinger über diesen Satz. Die Worte gelten für 47 Kartons voller Artikel, Fotos, Briefe und Tonbänder von Pearson, der nach dem Krieg der erste schwarze Stipendiat in Köln war. Es sind allesamt Einzelstücke von "musikhistorischem Wert", wie Heumannskämper sagt. "Ich bin davon ausgegangen, dass sie im Stadtarchiv in sicheren Händen sind."

Der Regisseur ist einer der drei ersten Klägern, die nach dem Einsturz des Stadtarchivs vor dem Kölner Landgericht ihre Ansprüche geltend machen. Die Familie von Wittgenstein gehört ebenfalls dazu. Sie hatte dem Archiv ihre Familienchronik der vergangenen 500 Jahre geliehen. "Eine ernst zu nehmende Antwort gibt es bis heute nicht. Auch keine Entschuldigung", sagt Leo von Wittgenstein nach der Verhandlung. "Es ist alles ein Wahnsinn." Weitere Kläger sind die Brüder Oliver und Mario König, Söhne des deutschen Soziologen René König. Sie hatten dem Archiv wichtige Dokumente ihres Vaters anvertraut.

Das Kölner Stadtarchiv umfasst Dokumente aus über 1000 Jahren Kölner sowie rheinischer Geschichte, darunter 65.000 Urkunden, 104.000 Karten und eine halbe Million Fotos. Die Stadt hat zwar immer wieder betont, dass rund 85 Prozent des Kulturguts gerettet wurden, "zum Teil in gutem Zustand", wie der Prozessbevollmächtigte der Stadt Köln, Winfried Schnepp, betont. Andere Stimmen vermuten aber, dass weite Teile schlecht erhalten sind – und die besagten 85 Prozent dadurch zustande kommen, dass Büroakten aus Nebengebäuden in den Bestand eingerechnet wurden.

Die Kläger fragen sich vor allem, warum die wertvollen Bestände nicht zu Beginn der wohl verhängnisvollen U-Bahn-Bauarbeiten aus dem Stadtarchiv evakuiert wurden. Und verweisen auf ein Interview, in dem die Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia unmittelbar nach dem Einsturz zugab, mit dem Schlimmsten gerechnet zu haben.

Die Schuldfrage ist auch acht Monate nach dem Einsturz noch ungeklärt. Es wird angenommen, dass Schäden in einer Betonwand beim U-Bahn-Bau zu dem Unglück führten, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen. Doch die Stadt, Kölner-Verkehrs-Betriebe (KVB) und Baufirmen schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu.