Mariam Ghani wuchs in New York mit einem afghanischen Vater und einer libanesischen Mutter auf. In ihrer Familie mischten sich amerikanische, arabische und afghanische Kultur und weckten ihr Interesse an Grenzen, seien diese Grenzen kulturell oder generationsbedingt. Themen wie Diaspora, Exil und Asyl haben Ghani fasziniert. So experimentierte sie mit unterschiedlichen Methoden der Archivierung, analog wie digital, wobei sie auch die Möglichkeiten von Online-Medien nutzte.

Alle sieben Video-Beiträge und die Gespräche mit den Künstlern finden Sie auf unserer Seite "Kunst zum Mauerfall" © Berit Zemke

Ihr Bedürfnis, interkulturelle Themen aus alternativer Sicht einem breiten Publikum zu vermitteln, erlebte durch den 11. September einen Wendepunkt. Mit Kabul: Partial Reconstructions 2002-2007, einem drei Jahre dauernden Projekt über die Postkonfliktsituationen in der Stadt Kabul, wurden Interaktion und öffentlicher Dialog zentral für ihre Arbeit.

Darauf aufbauend erweiterte Ghani ihre Arbeit um eine allgemeinere Untersuchung von unserer Auffassung von Dokumentation und dem Sammeln von Daten. So prägte sie den Begriff der "warmen Daten", um messbare (sogenannte "harte") Daten von juristischen und bürokratischen Systemen, mit unmessbaren ("weichen") Aspekten des menschlichen Lebens vergleichen zu können. Diese Ideen liegen auch ihrem Online-Projekt How do you see the disappeared? aus dem Jahr 2004 zugrunde.

Ghanis Verständnis von Erfassen, Umordnen und Hinterfragen scheinbar neutraler Daten zeigt sich noch deutlicher in ihrer Arbeit Going, Going, Gone, die sie im Auftrag von Visual Foreign Correspondents Berlin und ZEIT ONLINE für das Projekt Kunst zum Mauerfall machte. Es sind scheinbar nüchterne Momentaufnahmen aus dem New York der jüngsten Wirtschaftskrise. Warum Fotos der Finanzkrise in New York zum Gedenken an den Mauerfall in Berlin? "New York erinnert mich heutzutage – mehr als je zuvor – an Berlin", sagt Mariam Ghani. Sie hat die Stadt zu verschiedenen Zeitpunkten kennengelernt, von den neunziger Jahren bis heute. "Der interessanteste Unterschied ist, dass in New York nur sehr wenige Leute bemerken, dass die Mauern rund um sie zerfallen. Sie merken nicht, dass mit ihnen auch die Bollwerke fallen, die die Monumente des Kapitalismus schützen sollen." Noch sind es wenige Einzelne, die – ähnlich den Squattern der siebziger Jahre, die sich damals für erschwinglichen Wohnraum in der Riesenstadt einsetzten – über eine sinnvolle Umnutzung von leer stehenden Immobilien nachdenken. "Es ist, als ob die Stadt New York einfach ihr Blendax-Lächeln weiter lächelt, und die Hälfte der Leute, die sie anschauen, merken nicht einmal, dass ihr ein Zahn fehlt!" In Berlin, sei man sich der neuen Zeit wesentlich bewusster gewesen.