Er trieb die Kunst voran, doch zur Avantgarde gehörte er nie: Während Künstler von Rang im 20. Jahrhundert die Neutronenbombe in ihren Arbeiten vorwegnahmen, indem sie aus ihnen alles menschlich Lebendige verbannten, ersetzte Alfred Hrdlicka die formalen Farbflächen Piet Mondrians durch Menschen. Sie winden sich in Karfreitag am und unter dem Kreuz, sie leiden am Hügel Golgatha und – weil die Radierungen 1967 entstanden – auch im Kongo und in Vietnam. Es waren Verbogene, Gekrümmte, Gequälte, doch sie waren höchst gegenwärtig. Hrdlicka brachte den Menschen zurück in die Kunst.

Das zeichnete ihn als Künstler aus. Er unterwarf sich keinem Trend, widersetzte sich der zunehmenden Abstraktion, verurteilte sie als rein dekorativ. Und tatsächlich reüssiert einiges von dem, was in der Tradition des Abstrakten entsteht, heute unter der Bezeichnung Design. In Werken wie denen des niederländischen Konstruktivisten Mondrian konnte Hrdlicka nur Totes erkennen.

Zeit seines Lebens schöpfte er alle Inspiration aus seiner eigenen Biografie. Er wurde 1928 in Wien geboren als Sohn eines ebenso überzeugten wie aktiven Kommunisten und Gewerkschafters, der in den dreißiger Jahren von den Nationalsozialisten verfolgt wurde. Einmal durchsuchte die Polizei die Wohnung der Eltern und verprügelte ihn, den Sechsjährigen. Sein Vater wurde zur Zwangsarbeit verpflichtet. Während des zweiten Weltkriegs tauchte Hrdlicka ab und entzog sich dem Wehrdienst. Früh war er für das Politische sensibilisiert worden, wurde selbst zum linken Kämpfer und blieb Kommunist. Ein Radikaler, der es wagte, von sich zu sagen, er sei ein "Uralt-Stalinist". Noch so ein unpopuläres Bekenntnis. Alles, was er einst erlebt und zu empfinden gelernt hatte, schien unmittelbar in seine Arbeit zu fließen.

Er entdeckte die mythische Figur des Marsyas für sich als Sinnbild des geschundenen Menschen. Der Satyr hatte es gewagt, den göttlichen Apoll zum musikalischen Wettstreit herauszufordern. Als er unterlag, band der Gott ihn an einem Baum fest und häutete die Kreatur bei lebendigem Leib. Weil für Hrdlicka autoritäre Herrschaft immer mit Gewalt einherging, nannte er den Marsyas einen "Mann des Volkes".

Eine andere Figur, die regelmäßig in seinen Arbeiten auftaucht, ist die Prostituierte. Sie lebt und leidet genau dort, wo Sexualität, Gewalt und Macht aufeinander treffen. Auch sie wurde Hrdlicka zum Sinnbild für die entblößte Gesellschaft, das er immer wieder radierte und zeichnete.

Hrdlicka war ein Kraftmensch – kaum ein Text über ihn, der ohne die Bezeichnungen "Berserker" oder "Titan" auskäme – auch wenn sein Körper in den letzten Jahren dem nicht mehr entsprechen konnte. Hrdlicka ähnelte mit diesem Furor einer anderen, viel älteren bildhauenden Persönlichkeit: Auguste Rodin. Auch dessen Figuren wurden zu Torsi reduziert, ihre Gliedmaßen amputiert. Wer sie betrachtet, spürt den Schöpfer dahinter, den Kraftstrotzenden, den Mann, der Freude an seinem Wüten hat. Allein die Physiognomien der beiden Bildhauer wirken, als hätten sie sich selbst entworfen.

Dem französischen Künstler widmete sich Hrdlicka in einem eigenen Zyklus. Rodin freilich lebte einst viel etablierter in seiner Gesellschaft, Alfred Hrdlicka legte sich mit ihr an – wie es oft schien, liebend gerne. Er schwänzte seine Lehrstunden als Hochschuldozent in Stuttgart, Hamburg, Berlin und Wien, verweigerte Antworten in Interviews, galt vielen als unberechenbar und unzuverlässig. Seine Auftritte mit Wodkaflasche sind Legende. Ehrungen und Auszeichnungen lehnte er grundsätzlich ab. Schmähungen ignorierte er. Im Jahr 1988 wurde er in Wien mit dem Auftrag geehrt, das "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" zu schaffen. Sein "Die Straße waschender Jude" geriet daraufhin zum vielleicht meistkritisierten Kunstwerk der Stadt. Doch für einen wie Alfred Hrdlicka gehörte das Gehasstwerden dazu. Am Samstag starb er im Alter von 81 Jahren in Wien.