Viel ist geschrieben worden über Sam Peckinpah: Ein Trinker sei er gewesen, ein Raufbold, Wahnsinniger, und als Regisseur so aufsässig und unberechenbar wie die Charaktere seiner Spielfilme. Ein Mann dessen Zelluloid-Wahnsinn nur von dem eigenen abseits des Regiestuhls übertroffen wurde, worauf ihn ein englisches Magazin kurzerhand zum "König der Berserker-Filmregisseure" krönte. Die Dokumentation Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah von dem Peckinpah-Kenner Mike Siegel zeigt, was den Ausnahmeregisseur als Filmemacher antrieb und als Menschen schließlich vor seiner Zeit zugrunde gingen ließ.

Er hätte die Filmindustrie und speziell Hollywood nie verstanden, sagte Sam Peckinpah am Ende seiner Karriere. Dabei verdanken wir dem 1925 auf einer Ranch in Fresno, Kalifornien geboren Regisseur Meilensteine der Filmgeschichte. 1969 drehte er den Western The wild Bunch. Ein Film, während dessen Testvorführung 30 Menschen angewidert aus dem Kino flohen und sich auf der Straße übergaben. Die Schlussszene, ein von Peckinpah minutiös geplantes Blutbad, zeigt wie Kugeln in Zeitlupe tiefe Wunden in die Körper reißen und erinnert eher an ein Massaker als an eine Schießerei. Die Brutalität des Films ist als Anspielung auf den Konflikt in Vietnam gedacht und wird neben The Getaway (1972) mit Steve McQueen, Peckinpahs größter Erfolg. Als "Picasso of Violence" feiern ihn die einen. Doch während Filme wie Straw Dogs (1971), mit Dustin Hoffman, oder Bring me the head of Alfredo Garcia (1974) seinen Ruf festigen, regt sich erster Widerstand. Kritiker werfen ihm Gewaltverherrlichung vor. Der Film Straw Dogs, schreibt Variety, das Branchenblatt der Filmindustrie, sei "eine bisher nicht da gewesene Orgie der Gewalt und Ekelhaftigkeit."

Es ist eine Unterstellung, die sich Peckinpah im Laufe seiner Karriere immer wieder anhören muss, und die ihn an den Rand des Wahnsinns treibt. In seinen Filmen, sagte er, gehe es nie um stumpfe Gewaltdarstellungen. "Action um ihrer selbst willen, ist Mist." Es müsse immer um Menschen, um Charaktere gehen. Nur so lasse sich das Publikum einbinden, und nur so könnte man den Horror und die Qualen die seine Schauspieler durchleben müssten, "riechen und nachvollziehen."

Peckinpahs ruhigere Filme floppen an den Kinokassen: Dabei gehören gerade Junior Bonner (1972), eine melancholischen Charakterstudie über einen alternden Rodeo-Star, gespielt von Steve McQueen, und der großartige Pat Garrett & Billy the Kid (1973/1988 Turner Version) zu den faszinierendsten Arbeiten des Regisseurs. Es sind beinahe schon schwermütige Filme, in denen Peckinpah seine Sicht auf eine sich wandelnde, mitleidlose Welt in ausdrucksstarke Bilder verwandelt. Vor allem Pat Garrett & Billy the Kid überzeugt noch heute. Ein fatalistischer Western über Moral, Freundschaft und das Ende des Wilden Westens; Slim Pickens Sterbeszene ist nichts weniger als Poesie auf 35 mm und gehört zu den eindrucksvollsten Momenten der Filmgeschichte. Unterlegt mit Bob Dylans Knockin' on Heaven's Door, das Dylan extra für diese Szene geschrieben hat, verkörpert die Szene die ganze Tragik und Schönheit des Westens.

"Sam", sagt James Coburn in Passion & Poetry "war immer ein Wahrheitssuchender". Und die vielen Weggefährten Peckinpahs, die Siegel in seinem Film zu Wort kommen lässt - von Kris Kristofferson und Ernest Borgnine, über Ali MacGraw, L.Q. Jones und David Warner - pflichten ihm bei. Sie alle zeichnen in ihren Aussagen das Bild eines zeitlebens umstrittenen Regisseurs als Getriebenen, der betrunken oder nüchtern um jeden Schnitt, um jede Budgetkürzung stritt. Ein Mann dessen Perfektion auch nicht vor sadistischen Tricks halt machte, um der Darbietungen seiner Schauspieler so viel Glaubwürdigkeit wie möglich zu entlocken. Als er mit Olivia de Havillands Leistung in Noon Wine nicht zufrieden war, schrie er sie vor der gesamten Mannschaft an: "Du bist die verdammt mieseste Schauspielerin, die ich je gesehen habe! Wie hast du dir nur den guten Ruf erarbeitet?" Ihr geschockter Gesichtsausdruck ist in der letzten Szene des Films zu sehen.

Für den Sohn eines Richters war der Moment der Wahrheit immer etwas, wofür er mit allen Mitteln kämpfte. Auch auf die Gefahr hin, dass er sich mit seinem Fanatismus schlussendlich die Karriere ruinierte: "Nicht alle Studios wollen die Wahrheit." "In Hollywood", bringt Kristofferson den Zustand des Filmbusiness auf den Punkt, "kämpfen die Kreativen gegen die Studios und die Studios gegen die Kreativen". Nach einer Auftrags-Durststrecke Ende der siebziger Jahre, in der sich Peckinpah eine Zeit lang als Schauspieler über Wasser hielt, und zu seinem starken Alkoholkonsum noch Kokain dazu kam, bekam er erst wieder Anfang der achtziger Jahre ein Regieprojekt. The Osterman Weekend (1983), ein durchschnittlicher Thriller mit Starbesetzung. Es sollte sein letzter Film werden. Am 28. Dezember 1984 starb Peckinpah mit 59 Jahren in Kalifornien an Herzversagen. "Alles was ich bin", sagt Peckinpah am Ende von Passion & Poetry, "ist dort auf der Leinwand." In Zeiten von Filmen wie James Camerons Avatarund Roland Emmerichs 2012, in denen es vor allem um neue technische Errungenschaften geht, Schmerz und Leid in bunten Computeranimationen verschwinden, ist Siegels Dokumentation eine erfrischende Erinnerung daran, dass gutes Kino nicht nur große Unterhaltung ist, sondern vor allem auch das Mitgefühl des Publikums braucht.

Passion & Poetry – The Ballad of Sam Peckinpah
Regie:
Mike Siegel, EL Dorado Productions
Mit James Coburn, Ernest Borgnine, Kris Kristofferson, Ali McGraw, Senat Berger, Mario Adorf;
115 Minuten, Englisch mit dt. Untertiteln; Bonusmaterial: 150 Minuten