Ob man hier hinziehen will? Hier in die Schlosserstraße, oben in der Dortmunder Nordstadt, wo einst die nahe Westfalenhütte den Wirtschaftswunderrauch aus allen Rohren hustete. Dem Kreisverkehr folgend, ein Stück auf der "Straße der Fußballfans", ringsum grüßen Dönerimbiss, Sportsbar und Pizza für 2,50 – dann steht man vor den Häusern, denen die rußschwarzen Fassaden erst kürzlich überschminkt wurden, grüngelb und apricot. Dort also findet sich ein Teil des Experiments, das im Januar begonnen hat: Der Stadtteil soll zur Kunst werden.

2-3 Straßen heißt das Projekt, das der Konzeptkünstler Jochen Gerz initiiert hat. Im Januar dieses Jahres sind 78 Autoren in drei Städte des Ruhrgebiets gezogen, nach Dortmund, Mülheim und Duisburg. Aus der ganzen Welt haben sie sich beworben: Marokko, Japan, Holland, Niedersachsen. Insgesamt mehr als 1400. Ein Kulturhauptstadtjahr lang sollen sie nun in den Vierteln leben, die vom Niedergang der Schwerindustrie mürbe geworden sind. Etliche Einwohner haben die Flucht ergriffen, die Arbeitslosenzahl ist groß, etwa 40 Prozent sind Migranten, umgeben von brachliegenden Insignien ruhrpottscher Identität.

Miete zahlen müssen die Autoren nicht. Sie sollen schreiben! Was sie sehen, was sie denken, wie’s hier aussieht, und noch wichtiger: wie es aussehen könnte! Denn daran sollen sie mitarbeiten, das Quartier verändern, mitwirken an der Entwicklung des Viertels, an der Vitalisierung. Jochen Gerz’ Projekt ist zugleich eine soziale Versuchsanordnung. Ein Stück Gesellschaftskunst, das erst zu sehen ist, wenn man den Beipackzettel kennt.

Die Skepsis gegenüber bildhafter Eindeutigkeit und dem Sichtbaren charakterisiert Gerz’ Werk: In Saarbrücken ließ er auf die Unterseiten von Pflastersteinen die Namen jüdischer Friedhöfe gravieren als "Mahnmal gegen den Rassismus". In Hamburg-Harburg ließ er Bürger auf einer 12 Meter hohen, bleigefassten Säule gegen den Faschismus unterschreiben und versenkte die Skulptur im Boden, damit sie das Gedenken verwahren kann. In Bochum entsteht derzeit sein "Platz des europäischen Versprechens", wo Tausende Namen auf Basaltplatten stehen sollen, ihre Versprechen jedoch nicht.

"Kunst ist ein kleiner Mitarbeiter im gesellschaftlichen Diskurs", sagt der Künstler, und als er vor vier Jahren in den Ruhrstädten nachfragte, ob nicht ein paar Wohnungen frei seien, vielleicht sogar eine Straße, waren die Ämter und Wohnungsbauherren offensichtlich ähnlicher Ansicht. Man sagte Ja. Der Ministerpräsident Jürgen Rüttgers ließ ausrichten, es sei ein Glücksfall für die Region. Etwa eine Million Euro hat das Projekt bisher gekostet. Gerz hatte zunächst mit kunstfernen Dingen zu tun. Mietverträge, Klingelschilder, Wandfarben, Klempnerdienste, damit die Wohnungen bezugsfertig sind, wie es auf Vermieterdeutsch heißt. In Dortmund leben nun 31 Teilnehmer, rundum den Borsigplatz, das Zentrum des Viertels.