Die Kunst ist bei Jochen Gerz immer eine Aufforderung. Und eine Mahnung. "Meine Kunst hat mit Handeln zu tun", sagt der Aktionskünstler über seine Arbeit. Natürlich will Gerz mit seiner Kunst provozieren und aufrütteln. Wenn er sagt: "Ich finde, man merkt uns zu wenig die Kunst an", dann will er eben nicht, dass nur in Museumsräumen über Kunst diskutiert wird, sondern auch auf der Straße. Dass dort die Kunst auch als Kunst wahrgenommen wird, dafür setzt sich Jochen Gerz, der am 4. April 70 Jahre alt wird, ein, seit er Künstler ist.

Er findet, dass die Gesellschaft des kunst- und kulturreichen Deutschlands nicht couragiert genug ist. Es sprudle in Deutschland nur so von Kunst, Theater und Musik. Und dann sei die Gesellschaft doch relativ passiv. Das kann Gerz nicht verstehen. Aber was ist eigentlich mit seiner eigenen Kunst? Versteht die jeder?

Er arbeitet auf Straßen und mit den Menschen: 1974 stellte sich Gerz vor Porträtfotografien auf die Straßen von Florenz, um zu testen, ob Passanten eher ihn oder die Fotos betrachten. Heute kann man ganze Straßen im Ruhrgebiet angucken, wo Menschen für ein Jahr kostenlos in Wohnungen leben und über ihre Erfahrungen ein Buch zusammen schreiben.

Gerz macht die Wirklichkeit zu einer Ausstellung. "Ich will, dass die Menschen die Wirklichkeit so angucken, als würden sie einen Picasso angucken", hat er einmal gesagt. Auf den Vorwurf, dass seine Kunst vielleicht nicht als Kunst gesehen wird, reagiert der Künstler gelassen. "Diese Frage hat man das ganze 20. Jahrhundert über gestellt. Meistens bei der Kunst, die es sich heute lohnt anzugucken", sagt er. Ziel seiner Arbeiten sei die Diskussion darüber. Weil er die Auseinandersetzung mag, mag er auch die Kritik.
Und versteht sie sogar als ein Kompliment.

Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres 2010 im Ruhrgebiet entsteht nach seiner Idee in Bochum gerade der Platz des europäischen Versprechens. Mitten auf dem Boden lassen sich Bewohner mit ihrem Namen verewigen, nachdem sie im Stillen ein geheimes Versprechen abgegeben haben.

Gerz hat nicht immer Konzeptkunst gemacht. Das bereut er. "Ich habe zehn Jahre zu lange Dinge für die Wand und den Kunstmarkt gemacht, Bilder", sagt er. Was er zukünftig machen will, wird ein Thema auf dem Geburtstag sein. Er wird in einem kleinen Kreis "über die Zukunft nachdenken". Dann fügt er hinzu: "Das ist auch eine Art, dafür zu sorgen, dass man nicht irgendwann ohne Arbeit und Perspektive dasteht."