Der Hilferuf kam vom Telefon in Lake Forest bei Chicago. In einer von dem bedeutenden amerikanischen Architekten David Adler erbauten Residenz gab es einen Wasserschaden. Im Speisesaal wellte sich eine Wand füllende Allegorie der Künste .

In den zwanziger Jahren hatte sie die Schwester des Architekten, die nicht minder bekannte Inneneinrichterin Francis Elkins, im Auftrag der Erbauer dort angebracht. Statt die Wanddekoration auf Papier jedoch gleich herunter zu reißen, waren die Besitzer so klug, den Rat von Experten hinzu zu ziehen.

Da kam ihnen eigentlich nur die in Paris und New York lebende Carolle Thibaut-Pomerantz in den Sinn. Seit mehr als 20 Jahren ist sie eine ausgewiesene Spezialistin für historische Tapeten. Beim ersten Blick auf den nicht mehr erwünschten und lädierten Wandschmuck in Lake Forest tippte sie gleich auf "18. Jahrhundert, Frankreich".

Auf eigene Kosten ließ sie das Wandbild abnehmen, in seine zahlreichen ursprünglichen Einzelteile zerschneiden und übergab sie einem Papier-Restaurator. Es dauerte mehr als ein Jahr, bis die Allegorie wie ein Puzzle randlos neu zusammengeklebt wieder in voller Schönheit erblühte.

Inzwischen hatte die Französin genug Zeit für die Recherche. Ihre Vermutung, was die Herkunft der Allegorie der Künste betraf, wurde allerdings noch bei weitem übertroffen. Sie war nach einem Entwurf von Charles Percier und seinem Partner Pierre-Francois-Léonard Fontaine angefertigt worden.

Beide hatten am Hofe von Kaiser Napoleon gearbeitet und für seine erste Frau Josephine de Beauharnais das Schlösschen Malmaison ausgestattet. Die Tapete ließ sich so auch relativ genau auf 1797 bis 1801 datieren. Ein Pendant hängt als Referenz im Musée des Arts Décoratifs in Paris.

Da hatte Carolle Thibaut-Pomerantz mit Kennerblick wieder einmal einen Schatz gehoben. Einen der Schätze, mit denen sie als Antiquitätenhändlerin handelt, Museen und Sammler berät und über die sie nun einen opulenten Band zur Geschichte der Tapete bis in unsere Tage vorgelegt hat.

Darin fächert sich eine Welt auf, die mit Raufaser nun gar nichts zu tun hat: Opulente Panoramen, Idealisierungen von dem irdischen Paradies Arkadien, Landschaften der Antike, mythische Darstellungen von Amor und Psyche, Bordüren von der Jagd oder fein geschwungene Girlanden mit Blumenbouquets.

Entstanden ist so ein prachtvoll bebildertes Musterbuch durch die 500-jährige Geschichte der Tapetenkunst mit ihren Moden und Geschmäckern. Die Tür zur Welt der papiers paints , wie Tapeten im französischen heißen, öffnete sich für die Kunsthistorikerin im Jahr 1986.

Bei ihren Streifzügen im Pariser Auktionshaus Drouot fand sie sich unerwartet in einem Saal wieder, der komplett mit Tapeten aus mindestens zwei Jahrhunderten zugepflastert war. "Ich fühlte mich wie in Ali Babas Höhle", erzählt die kapriziöse Französin, "überwältigt von der Überfülle der Dekors, dem Reichtum der Farben".

Am Tag der Auktion saß sie dann in der ersten Reihe und hob ihre Bieterkarte einige Male für die vor ihr ausgerollten Landschaften, beziehungsweise Bögen mit Streifen, geometrischen und floralen Mustern aus der Zeit, als es technisch noch nicht möglich war, große Bahnen oder gar Rollen zu bedrucken.