Wenn Moritz über Klaus spricht, klingt es, als würde er über einen Zwillingsbruder reden, von dem er sich abgrenzen will. Optisch seien sie "nah beieinander", Mimik und Gestik "sehr ähnlich", aber der Klaus sei schon ein wenig zurückhaltender. Moritz hält sich für "selbstbewusster und lebhafter". Er findet, Moritz und Klaus sind schon verschieden.

Moritz, das ist der Echte, der Schauspieler Moritz A. Sachs, mittlerweile 32 Jahre alt. Klaus, das ist die Fiktion. Klaus Beimer ist seit der ersten Folge im Dezember 1985 eine zentrale Figur in der Mutter aller deutschen Seifenopern, der Lindenstraße . Sachs spielt den Klaus seit seinem siebten Lebensjahr. Damals entdeckte ihn der Lindenstraßen -Erfinder Hans W. Geißendörfer auf Werbefotos und machte ihn zu Klausi Beimer, von Mutter Beimer auch Hase genannt. Klausi durfte seiner TV-Mutter ein legendäres Ständchen singen, rutschte in der Jugend ins rechte Milieu ab, trug seine Serienfreundin und seinen Serienbruder zu Grabe. Inzwischen ist Klaus Beimer in der Lindenstraße Vater geworden und hat die Mutter des Kindes verlassen.

Für diese Geschichten verteidigt Sachs sein Alter Ego. "Klaus war nie Extremist, er war ein Mitläufer." Und wenn man eine Frau nicht liebe, dann solle man sie auch verlassen. Obwohl Sachs sagt, dass er die Lindenstraße von seinem eigenen Leben trennen kann, ist Klaus immer mit im Raum. Viele Zuschauer können die beiden ohnehin kaum unterscheiden: Moritz Sachs bekam schon Briefe, die an seinen Seriennamen adressiert waren. In der Schule tadelte ihn ein Lehrer einst mit den Worten: "Wir sind hier nicht in der Lindenstraße , hier musst du dich benehmen!" Mitschüler hänselten ihn als " Lindenstraßen- Schwein." Legendär sind auch die Anrufe einiger Fans, die in der Lindenstraße eine freie Wohnung suchten . "Die Lindenstraße ist eben nah dran am echten Leben", sagt Moritz Sachs.

Manchmal war die Serie ihrer Zeit auch voraus. Zum Beispiel als sich 1990 Georg Uecker und Martin Armknecht küssten – der erste schwule Kuss in einer deutschen Fernsehserie! Er löste einen Sturm der Entrüstung aus. Oder als sich ein Darsteller in der Serie für einen Strom-Boykott aussprach. "Heute ist es schwieriger, für Gesprächsstoff zu sorgen", sagt Sachs. Die Bedeutung einer Fernsehserie für die Gesellschaft habe sich geändert. "Welche Tabus soll man noch brechen? Den ersten Sex in Nahaufnahme im Vorabendprogramm werden wir sicher nicht zeigen", sagt er und lacht.

Trotzdem kann die Lindenstraße noch immer für Wirbel sorgen. So etwa Anfang dieses Jahres, als ein Darsteller in einer Folge über die FDP und deren Steuersenkung für Hoteliers lästerte. Die Liberalen waren darüber so verärgert, dass ihr medienpolitischer Sprecher sich via Bild -Zeitung über eine "einseitige Parteinahme" beschwerte. Moritz A. Sachs findet das amüsant. "Die FDP sollte froh sein, dass sie in der Lindenstraße überhaupt erwähnt wurde." Für Sachs sind politische Meinungen von Figuren eine Stärke der Lindenstraße . "Und wir sind eben eher grün und links orientiert."

Sachs hat fast sein ganzes Leben in der Lindenstraße verbracht, abgesehen von einem Jahr Pause nach dem Abitur. "Er wurde erwachsen unter dem Einfluss unserer Straße", sagt Erfinder Hans W. Geißendörfer . Klar, er hat auch mal im Tatort oder in SOKO Köln mitgespielt, als Regieassistent gearbeitet und ein Kurzfilmfestival auf die Beine gestellt. Aber es waren andere, die den ganz großen Durchbruch schafften. Til Schweiger etwa, zwischen 1990 und 1992 als Jo Zenker in der Lindenstraße – und heute der erfolgreichste deutsche Kinoschauspieler, der auch ab und an in Hollywood-Filmen mitspielt. Doch Moritz Sachs sagt, dass er sich mit seinem Weg wohl fühlt. "Auf so eine Paraderolle kann man auch stolz sein." Den Klaus Beimer werde er ohnehin nie wieder los.

Einfach sterben lassen wolle er ihn jedenfalls nicht. Statt von Hollywood schwärmt Sachs von der familiären Atmosphäre unter den Lindenstraßen -Kollegen. So gibt ihm TV-Mutter Beimer alias Marie-Luise Marjan auch im echten Leben mütterliche Ratschläge. Erfinder Geißendörfer sagt über Sachs: "Er würde nie einem Partner das Licht wegnehmen." Moritz A. Sachs, so scheint es, hat seinen Platz in der Lindenstraße auf Lebenszeit. "Die romantische Vorstellung ist, dass man bis zur letzten Szene dabei ist", sagt er. Wann die gedreht wird, liegt aber in anderen Händen. "Der ARD-Programmdirektor hat uns gerade mitgeteilt, dass einer Vertragsverlängerung bis Ende 2014 nichts im Wege steht", sagt Geißendörfer. Noch stimmen die Quoten.

Manchmal denkt Moritz A. Sachs auch über ein Leben ohne die Lindenstraße nach. Derzeit schreiben die Serienmacher ihm noch seine Frisur vor und verlangen, dass er für kurzfristige Drehbuchänderungen immer erreichbar sein muss. Gegebenenfalls auch im Urlaub. "Nach dem Ende der Lindenstraße könnte ich endlich mal spontan zum Frisör gehen", sagt Sachs. Daraufhin steckt er sich eine Zigarette an, etwas das Klaus niemals tun dürfte. Er findet, Moritz und Klaus sind schon verschieden.