Einen Fornasetti erkennt man sofort. Er ist so einmalig wie ein Haute-Couture-Kleid, handgemacht und darum purer Luxus. Nicht jeder kann sich
einen Fornasetti leisten, und manches Kind versteht die bildreichen Arbeiten besser als die breite Masse: die wie gepixelt getuschten, lakonisch blinzelnden Frauengesichter auf Vasen und Tellern, die eleganten Wildkatzen und tobenden Affen auf Tassen und Tapeten oder die Schmetterlingsschwärme und Sonnenblumensonnen auf Kommoden und Schränken.

Ein Fornasetti ist überschäumende Poesie mit einer gehörigen Portion Humor, eine Art dreidimensionales Augentheater, manchmal auch herrlich optische Illusion und damit dem Trompe l’OEil verwandt. Ist das jetzt ein Piero Fornasetti? Oder doch ein neuer Barnaba aus Vater Pieros Zeichenfundus?

Selbst wer genau hinschaut, kann die Objekte schwer zuordnen. Was bleibt, ist ein Fornasetti. Niemals modern und niemals altmodisch. Piero Fornasetti gilt als der Geschichtenerzähler unter den Designern. Seine Zeichnungen sprechen den Betrachter direkt an. Man liest in ihnen wie in einem Bilderbuch. Manche sind surreal. Nie sind sie abstrakt. Gern augenzwinkernd.

1988 starb der Mailänder Multikünstler im Alter von 75 Jahren. Barnaba ist sein einziger Sohn. Mit Respekt und Liebe entwickelt Barnaba seitdem die Arbeiten Pieros weiter. "Ich bin aber keine Reinkarnation meines Vaters", – damit das klar ist, "ich reflektiere ihn nur."

In der Città Studi, dem Universitätsviertel Mailands, hält Barnaba Piero Fornasettis Vermächtnis lebendig und bringt es voran. Selbstverständlich und völlig lärmfrei. Wer durch das hohe Vorderhaus an der Via Bazzini schreitet, steht unvermittelt in einem wilden Garten mit Blautraubengerankel, das so alt ist wie Barnaba selbst. Sechzig Jahre.

Erschienen im Magazin Weltkunst, Ausgabe November 2010

Der Mann mit der leisen Nachsicht in den sanften Augen steht in der Tür zum angrenzenden Gebäude im morbiden Mustermix gekonnt gewählter Kleider und ist umgeben von einem Hauch Melancholie. "Willkommen im Haus meines Großvaters Pietro!" Ein Familienhaus, auf dem besten Wege, eines Tages ein Aufsehen erregendes kleines Museum zu werden. Aber so weit ist es längst noch nicht.

Die Fornasettis waren einst aus Venetien eingewandert. Großvater Pietro, der eine Passion für Lyrik hatte und gern seinen Barriton erklingen ließ, war schon Milanese. "Bis Italien die Olivetti erfand, importierte er deutsche Schreibmaschinen nach Italien", erinnert sich Enkel Barnaba. Großmutter Martha Munch kam aus Sachsen.