Ob fromm oder nicht: Beinahe jedem ist das Jesuskind in der Krippe vertraut. Kein Wunder, hat es doch eine lange Tradition. Im Jahr 1223 feierten Franz von Assisi und seine Mitbrüder die Weihnacht im Wald von Greccio samt Krippe, Ochs und Esel. Die Franziskaner, seit 1375 ununterbrochen im Heiligen Land und in Bethlehem tätig, gelten als Wegbereiter und Förderer der Jesuskind-Verehrung.

Früh schon tauchten in den romanischen Ländern, den Niederlanden und in Süddeutschland hölzerne oder in Ton gebrannte Figuren des gewickelten Jesusknaben auf. So berichtet der berühmte Zisterzienser Bernhard von Clairvaux (um 1090–1153), dass ihm als Kind während der Weihnachtfeierlichkeiten der Jesusknabe "schöner in Gestalt als alle Menschenkinder" vorgekommen sei.

Mit der Frauenmystik der Zisterzienserinnen im 13. Jahrhundert erlebte die Jesuskind-Verehrung ihre erste Blüte. Gertrud die Große, eine der drei namhaften Mystikerinnen des Klosters Helfta bei Eisleben, hinterließ sogar schriftliche Anleitungen, wie das Jesuskind zu kleiden sei. Dabei scheint es sich jedoch zu jener Zeit um eine rein gedankliche Umsetzung gehandelt zu haben.

Ob "ain minnekliches bilde, daz was ain Jhesus in ainer wiegen, und dem dienten vier guldin engel", das die Dominikanerin Margareta Ebner (um 1291–1351) in Maria Medingen bei Dillingen am 26. Dezember 1344 als Geschenk aus Wien erhalten hat, ein Pergamentbild oder eine Plastik war, bleibt offen. Solche "Andachtsbilder" des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts entstammten vor allem Frauenklöstern oder Bettelorden und sind meist aus einem erzählerischen Zusammenhang gelöst.

Als Wiegenkind oder Standfigur verehrt, belegen sie die "Verniedlichung der Gottesschau" und sind Ausdruck der persönlich-erotisch geprägten Frömmigkeit im Ausklang der mittelalterlichen Mystik. Das nackte, schön modellierte Knäblein im Alter von eineinhalb bis zwei Jahren ist eine Verkörperung der Heilsbotschaft von der Menschwerdung Jesu und das Gegenbild zum Gekreuzigten.

Meist ist die Rechte zum Segensgestus erhoben, in der linken Hand kann es die Weltkugel, einen Reichsapfel oder eine einzelne Weintraube (als Zeichen der Passion) halten. Lockenperücke und Krönlein betonen die Rolle als kindlicher Herrscher. So eroberte die Jesuskind-Figur seit dem Spätmittelalter ganz Europa und avancierte vielerorts zum berühmten Gnadenbild, das unzählige Male kopiert und verehrt, bis heute ans Gemüt rührt und gesammelt wird.

Am Gardasee hat Hilky Mayr ihre umfassende Kollektion sogar zu einem veritablen Museum in Gardone Riviera ausgebaut. Als wohl bekannteste Darstellung weltweit gilt das Prager Jesulein. Die 47 Zentimeter große Wachsfigur über einem Holzkern entstand um 1520 in einem spanischen Kloster. Nicht nur Kaiser Ferdinand III. betete vor ihm. Auch die gottesfürchtige Kaiserin Maria Theresia hat es sehr verehrt und das "Liebreiche Jesulein" mit prächtig verzierten Gewändern beschenkt.