Mit Lucian Freud geht sie gerne frühstücken, Cy Twombly oder Gerhard Richter trifft sie zum Dinner. Damien Hirst ist ein Freund: Kein Zweifel, Cheyenne Westphal, bei Sotheby’s in London für zeitgenössiche Kunst in Europa zuständig, gehört zu den international bestvernetzten Experten in der Kunstszene.

"Diese Begegnungen", erklärt die Apothekerstochter aus Baden-Baden, "machen meinen Job auch so stimulierend. Ich treffe regelmäßig kreative Menschen, und manche werden meine Freunde." Die wiederum schätzen ihre Kompetenz und Diskretion.

Der Vorschlag ihres Vaters, nach dem Abitur ins Ausland zu gehen, stellte die Weichen für ihre internationale Karriere. Cheyenne Westphal, Jahrgang 1967, studierte Englisch und Kunstgeschichte an der schottischen Universität St. Andrews (mittlerweile global bekannt als Alma mater von Prinz William und Kate Middleton).

Hier wurde ihre Freude an der Kunst, damals noch der historischen, geweckt. Beim anschließenden Stipendium an der Universität von Kalifornien in Berkeley lieferte ihr erster Blick auf eine Arbeit der amerikanischen Fotografin Cindy Sherman das Schlüsselerlebnis: "Das packte mich sofort, und ich beschloss, in der Gegenwartskunst zu arbeiten."

Nach dem Abschluss mit einer Magisterarbeit über Anselm Kiefer führte ihr Weg 1990 nach London: "Hier waren viele Freunde, und ich erhielt gleich bei der ersten Vorstellung einen Job bei Sotheby’s. Hier fühlte ich mich wohl, und ich passte offensichtlich auch zu ihnen. Sprachkenntnisse wie Deutsch, Englisch, Französisch und etwas Italienisch halfen dabei."

Im damals nur dreiköpfigen Team der zeitgenössischen Sparte begann die junge Deutsche ihren steten Aufstieg. Ganz unten, buchstäblich im Keller, fing sie mit dem Katalogisieren und Recherchieren an, um dann schon bald auch Kunden in England und im Ausland zu betreuen. 1993 stiess der Deutsche Tobias Meyer zum Londoner Büro hinzu. Es war der Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit, auch als er später nach New York wechselte, um von dort aus das weltweite zeitgenössische Geschäft für Sotheby’s zu leiten.

Cheyenne Westphal wiederum übernahm ab 1999 die Verantwortung für Europa. In London war sie am richtigen Ort: Nicht zuletzt dank der "Tate Modern", des Phänomens der "Young British Artists" und des einflussreichen Sammler-Händlers Charles Saatchi profilierte sich die britische Metropole als ein globales Zentrum für die Gegenwartskunst.

Ihre Werke wurden von Boni-verwöhnten Bankern begehrt und verhießen ein gutes Investment. Mit dem neuen Millenium stiegen die Auktions-Umsätze rasant, ein Rekord jagte den anderen. Künstler wie Gerhard Richter wurden als Stars hofiert und hoch taxiert, nicht zuletzt dank der Sotheby’s-Expertin, die sich bereits früh zur Richter-Spezialistin entwickelte.