ZEIT ONLINE: Es scheint, als wollten sie ihren Kritikern zeigen, wo ihr Platz in der Kunstgeschichte ist. Oder warum beziehen Sie sich mit ihren Stillleben so direkt auf Motive der Alten Meister?

LaChapelle: Ich kopiere nicht, ich entwerfe moderne Versionen des Stilllebens. Als ich diese Fotografien gemacht habe, hatte ich kein bestimmtes Gemälde vor Augen. Es erschien mir nur logisch, die Historie des Stilllebens fortzusetzen, indem ich Blumen und symbolische Gegenstände eine Geschichte erzählen lasse. Viele Fotografen haben Stillleben abgelichtet, viele Maler haben sich mit Blumen beschäftigt. Cy Twombly , Andy Warhol – es ist nur natürlich, dass ein Künstler früher oder später zur Blume kommt.

ZEIT ONLINE: Sie möchten Geschichten erzählen. Was sollen die Leute in Ihren Bildern sehen?

LaChapelle: Ich möchte nur, dass sie überhaupt hinsehen. Jedes Bild erhält seine Bedeutung aus der Perspektive des Betrachters.

ZEIT ONLINE: Wie bringen Sie die Menschen dazu, hinzusehen?

LaChapelle: Mein Mittel ist eben die Schönheit. Von den Magazinen habe ich gelernt, wie man Aufmerksamkeit erregt und mit dem Betrachter kommuniziert. Ich weiß genau, was ich sagen will, aber ich diktiere es dem Betrachter nicht. Das macht gute Kunst aus: Sie gibt dem Betrachter etwas zum Anschauen und Verstehen.

ZEIT ONLINE: Große Teile der zeitgenössischen Kunst sind nur mit Gebrauchsanweisung zugänglich.

LaChapelle: Solche Kunst schließt die meisten Menschen aus und lässt sie kalt. Sie wirkt einschüchternd auf den durchschnittlichen Betrachter, der keine Museen besucht und sich nicht in der Kunstwelt auskennt. Ich möchte nicht, dass die Leute einen Essay lesen müssen, um meine Arbeiten zu verstehen. Die visuelle Sprache ist nämlich genauso stark wie die schriftliche. Ich möchte, dass meine Bilder wirken wie Musik. Sie sollen Menschen berühren und bewegen.

ZEIT ONLINE: Finden Sie es befremdlich, wenn Kritiker ihren Werken mit ästhetischen Theorien begegnen?

LaChapelle: Nein, ich lese gern die Interpretationen anderer. Es verrät mir, was die Menschen mitnehmen. Aber ich arbeite nicht für die Kunstwelt. Auch nicht für die Modewelt, die Musikwelt, die Sportwelt, andere Subwelten oder Ghettos. Ich arbeite für die ganze Welt. Berühmt und reich zu werden war nie mein Ziel. Es ging mir immer nur um die Frage, was ich der Welt geben kann.

ZEIT ONLINE: Ihre Fotos sind in der westlichen Welt bekannter als Ihr Name. Sie haben aus Popstars Ikonen im kunsthistorischen, quasi-religiösen Sinn gemacht. Zum Beispiel Courtney Love als Pietà mit dem verstorbenen Kurt Cobain auf dem Schoß.

LaChapelle: Die Pietà stellt die bekannteste Sterbensszene der Kunstgeschichte dar. Mutter Maria hält ihren toten Sohn. Das symbolisiert den größten Verlust im Leben. Mit meiner Pietà wollte ich die vielen kleinen, unsichtbaren Tode abbilden. Ich wollte an meinen Freund Brad erinnern, der in den Achtzigern in New York an einer Überdosis Heroin starb und seine schwangere Freundin in einem besetzten Haus im East Village hinterließ. Und an meine Freunde, die an Aids gestorben sind. Für alle Kinder Gottes bedeutet der Tod dasselbe. Da fällt mir der Beatles-Song ein: " When I find myself in times of trouble, Mother Mary comes to me ..."

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass die christliche Religion heute noch so wichtig ist wie im 15. Jahrhundert, als Michelangelo seine Pietà schuf?

LaChapelle: Egal, in welchem Zeitalter, der Mensch hat immer nach dem Sinn des Lebens gefragt. Es gibt sicherlich Leute, die gar nichts hinterfragen und sich an den materiellen Dingen des Lebens erfreuen. Aber sobald ein Kind geboren wird, ein geliebter Mensch stirbt, man eine Krebsdiagnose erhält, der Krieg ausbricht, die Flut kommt oder die Tragödie zuschlägt – dann fragen die Menschen nach dem Metaphysischen, das den materiellen Horizont übersteigt.

ZEIT ONLINE: In Hannover zeigen Sie auch die Serie Jesus Is My Homeboy , die 2003 in der englischen i-D erschienen ist. Sie übersetzt biblische Szenen in den US-amerikanischen Alltag. Wirklich verstehen kann sie nur, wer bibelfest ist. Was bedeuten Ihnen diese Jesusszenen?

LaChapelle: Christliche Fundamentalisten haben die Lehre von Jesus zerstört, genauso wie Islamisten die Lehre des Koran zerstört haben. Fundamentalismus macht alles kaputt, was er anfasst. Ich wollte das Wort von Jesus, dem Künstler, Lehrer und Propheten, retten. Es gab natürlich auch andere, Buddha zum Beispiel war Jesus sehr ähnlich. Sie beide sprachen in Parabeln und nutzten die Natur als Metapher. Ich glaube, dass diese wunderbaren Worte Jesu noch heute von Bedeutung sind, nur haben die Fundamentalisten ganz viele Leute vergrault. Jesusabbildungen in der Kunst gelten heute als uncool. Es sei denn, sie sind ironisch.

ZEIT ONLINE: Bis 2007 haben sie regelmäßig Musikvideos gedreht. Haben Sie eine aktuelle Lieblingsband?

LaChapelle: Meine heutige Lieblingsband sind die Beatles. Ich bin gestern Nacht mit Let It Be auf dem iPod eingeschlafen.

Die Ausstellung in der Kestnergesellschaft Hannover läuft noch bis zum 8. Mai. Der Bildband "Heaven To Hell" ist im Taschen Verlag erschienen.